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Heimat entdecken
Heimat - "fatzzinierend" ursprünglich

Heimat entdecken: Heimat - "fatzzinierend" ursprünglich
FOTO: Rurtal Produktion
Erkelenz. Hastenraths Will, erfolgreicher Landwirt und Ortsvorsteher eines kleinen Dorfes im Selfkant, hat seinen ureigenen Blick auf die Heimat. "Heimat heißt nicht, dass der Horizont an der Dorfgrenze endet", sagt der Mann von Welt. Von Anke Backhaus

Überraschend bekommt die Erkelenzer RP-Lokalredaktion Besuch. "Ich war grad in der Nähe, da wollte ich mal ,Tach' sagen." "Tach" sagt übrigens Hastenraths Will, erfolgreicher Landwirt und Ortsvorsteher eines kleinen Dorfes im Selfkant. "Hier ist ja gar keine Schreibmaschine mehr im Einsatz", wundert sich Will und sieht sich weiter um. "Ihr seid ja eine richtig innofative Redaktion, so mit echte Computer und elektrische Kaffeemaschine und so", stellt er fest.

In der Lokalredaktion fühlt sich Hastenraths Will wohl. Denn: Eine Lokalredaktion ist der heimischen Region stets eng verbunden. Heimat. Ein Begriff, mit dem sich auch Will besonders identifiziert. "Heimat bedeutet mir viel. Vor allem aber Zusammenhalt. Auf Schützenfeste oder sonstige Feierlichkeiten helfen wir uns immer untereinander - falls es Schlägereien mit Bewohner von andere Dörfer gibt." Typisch Will! "Wenn ich von eine Dienstreise zurückkomme - meistens aus Jülich von der Zuckerrübenfabrik - dann kriege ich immer eine Gänsehaut, wenn ich von Weitem unser Dorf-Kirchturm seh. Das liegt dadran, dass ich dann oft schon sehr durchgefroren bin auf mein Trecker."

Eine solche Dienstreise ist auch der Grund, weshalb Hastenraths Will einen Zwischenstopp in Erkelenz einlegt. "Ich hab direkt gemerkt, dass Erkelenz eine Großstadt ist - weil das Parken was kostet. Und nicht grade. Wegen mein Doppelanhänger musste ich drei Parkscheine lösen", schimpft er. Kein Wunder, dass er da auch aufgeregt ist, was in der Stadt los ist. Sein Ziel: Ausgehgummistiefel kaufen, "für besondere Anlässe wie Kinderkommlion oder Goldene Hochzeit. Das wird in so Gaststätten ja nicht gerne gesehen, wenn man da der ganze Pratsch reinträgt."

In Erkelenz freut sich Will über "die fatzzinierende Einkaufslandschaft", in der er die Möglichkeit wittert, Gattin Marlene ein schönes Geburtstagsgeschenk zu kaufen. "Beim Drogeriemarkt habe ich ein schicker Hornhauthobel gefunden. Der war sogar im Angebot." Derweil hat er auch am Ziegelweiher neue Eindrücke gesammelt: "Der Erkelenzer scheint sehr offen auf Menschen zuzugehen. Am Ziegelweiher hat mich beim Spazierengehen ein junger Mann angesprochen. Der sagte für mich: ,Wat guckst du so blöd?'."

Zurück zur Heimat. "Die Identität mit die eigene Heimat ist wichtig. Deshalb habe ich zum Beispiel auch unser Heimatverein kostengünstig mein stillgelegter Hühnerstall für ihr Heimatmuseum zur Verfügung gestellt. Das hat nur Vorteile: Die freuen sich und ich muss das Ding nicht teuer abreißen lassen. Die Entsorgung von so alte Eternitplatten und Asbestdecken kostet ja mittlerweile richtig Geld. Ich mein, klar, es gibt viele berühmte Museums auf der Welt: Der Louvre in Parriss, das Wachsfiguren-Kabarett in England, der Petersdom in Rom. Aber unser Heimatmuseum ist was ganz Besonderes. Die gesamte Dorfbevölkerung hat dafür ihr alter Hausrat zur Verfügung gestellt, der Zeugnis davon ablegen kann, wie die Leute hier vor viele hundert Jahre gelebt haben. Obwohl das teilweise nicht anders aussah als wie heute."

Als Mann von Welt weiß Hastenraths Will auch, wie man mit schweren Zeiten umgeht. "Wir im Selfkant wissen, was es heißt, plötzlich heimatlos zu sein. Ich erinnere nur mal dadran, wie man - wahrscheinlich aus Jux - nach der Zweite Weltkrieg die Niederländer als Entschädigung der Selfkant angeboten hat. Und die nehmen das auch noch an! Deshalb stand der Selfkant auch vom 23. April 1949 bis zum 1. August 1962 unter niederländische Verwaltung. Da war die Angst in der Bevölkerung natürlich groß, dass man eine Verlierer-Mentalität entwickelt."

Wills Heimat besinnt sich auf das Wesentliche, auf das Ursprüngliche. "Wir kommen ganz gut ohne Internet oder Handy-Netz klar. Wenn wir wichtige Informationen brauchen, gehen wir zum Metzger oder zum Bäcker. Das ist schneller als jedes High-Speed-Internet und wesentlich informativer."

Seinen ureigenen Heimatgedanken bringt er auf diesen Nenner: "Heimat heißt nicht, dass der Horizont an der Dorfgrenze endet. Heimatfreund zu sein bedeutet für mich auch, dass man sich auch mal mit andere Kulturen zusammen freuen kann. Zum Beispiel mit die Türken, dass die die EM-Qualifikation geschafft haben und nicht die Holländer."

Quelle: RP
 
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