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Erkelenz
Kicken mit den neuen Nachbarn

Erkelenz. Bei der 4. Stadtmeisterschaft im Menschenkicker vom Kinderschutzbund spielte erstmals ein Flüchtlings-Team mit. Von Jessica Balleer

Hannan (32) steht auf dem Marktplatz und tanzt mit dem Ball am Fuß. Das hat er damals in Homs auch immer so gemacht. Viermal die Woche hatte er sich die Fußballschuhe geschnürt. Spiele auf Ascheplätzen, Kicken mit Nachbarn. Hannan ist der syrische Thomas Müller, könnte man denken, wenn man den hageren, jungen Mann so sieht. Doch in Syrien hatte er als Abwehrspieler für Stabilität gesorgt. Nur neben dem Spielfeld konnte er das nicht. Der Beginn des Krieges vor vier Jahren war zugleich das Ende seiner Fußballleidenschaft.

Andere Dinge wurden wichtiger, sagt Hannan (32), und er meint die Arbeit, das Leben. Also, das Überleben. Vor einigen Wochen hatte er im Fußballverein in Geneicken erstmals wieder gegen einen Ball getreten. Er lebt nun in Neuhaus und hofft, bald wieder richtig spielen zu können - im echten Ligabetrieb und "am liebsten für einen Verein Erkelenz!"

Auf dem Marktplatz hatten Hannan und neun weitere Flüchtlinge aus Neuhaus an der 4. Stadtmeisterschaft im Menschenkicker teilgenommen. Franz Thiel, Gründer des Integrationsvereins "Willkommen in Erkelenz", hatte die Zehn zusammengetrommelt. Der Teamname "The New Kickerboys" sollte widerspiegeln, was die jungen Männer antrieb: "Flüchtlinge oder nicht, das sind einfach Jungs, die kicken wollen", sagte Thiel, der mit Kamera und kleiner Trompete am Spielfeldrand stand und das Team anfeuerte. Und das zunächst mit Erfolg. Pünktlich um 10 Uhr standen sechs Spieler für "The New Kickerboys" im Fußballkäfig.

Der Syrer Hisham Savas (32) war ihr Coach und freute sich über einen 3:1-Auftaktsieg. Dank ihm, sagt Franz Thiel, habe die Kommunikation mit den sechs Syrern, drei Afrikanern aus Guinea und dem Libanesen funktioniert.

Der Sport spielt laut Savas auch im Alltag in Neuhaus eine große Rolle. Die lange Wartezeit auf das Bleiberecht füllen viele Flüchtlinge mit Aktivitäten. Manche machten Fitness, andere gingen täglich joggen. Die Ungewissheit sei schwer zu ertragen. Unzufrieden sei er aber nicht. "Leben in Sicherheit", nennt Savas die Hoffnung die er hatte, als er Syrien verließ. "Seine" Spieler haben sich um ihn versammelt, als er das sagt, und sie nicken zustimmend. Auch sie haben die Bilder im Kopf, vom Krieg und der Zerstörung der Heimat.

Auch Hannan stimmt zu. Wie gut ihm dieses Turnier tut, sieht man auf und abseits des Spielfelds. Nach dem zweiten Gruppenspiel (2:2) macht er es schon wieder, den Softball immer am Fuß und alles ist gut. Dann aber kippt die Stimmung. Einen seiner afrikanischen Mitspieler übermannt der falsche Ehrgeiz. Das Spiel gegen den "ZAK" endet mit einem groben Foul. Diskussionen nach dem Abpfiff. Die "New Kickerboys" werden disqualifiziert, und es geht fast unter, dass die "Hummeln im Arsch" ihre erste Stadtmeisterschaft im Menschenkicker bejubeln können. "Dieser Vorfall trübt diesen tollen Tag", sagt Franz Thiel.

Weiterreichende Folgen wären fatal für das Vorhaben von ihm und vielen anderen Ehrenamtlern, die Flüchtlinge durch Sport zu integrieren. "Willkommen im Verein" heißt beispielsweise eine bundesweite Aktion des Deutschen Fußball-Bundes. Sie soll Flüchtlingen den Einstieg in Sportklubs erleichtern. "Unsere Fußballkultur ist bunt und bietet allen Menschen eine Heimat", heißt es darin.

In Wahrheit aber steht und fällt es dieses Versprechen mit der Akzeptanz und den Vereinen vor Ort. In Erkelenz haben bisher nur vereinzelt Sportvereine den Anstoß zur Integration gegeben. Andere scheinen noch an der Herangehensweise zu feilen.

Die Situation erinnert fast an ein Freundschaftsspiel, bei dem sich zwei defensiv eingestellte Teams gegenüberstehen. Ein bedachtes Abtasten. Erfolg wird haben, wer sich mutig in die Offensive wagt.

Quelle: RP
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