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Erkelenz
Klimacamp sendet Signale

Erkelenz: Klimacamp sendet Signale
Das Unterrichtsangebot wurde mit Kreide an die Wand geschrieben. FOTO: spe
Erkelenz. Klimaaktivisten haben gestern den Kindergarten in Immerath wiedereröffnet. Nach eigener Aussage wollten sie diesen nicht "besetzen", sondern vielmehr "den Menschen zurückgeben". Von Andreas Speen

Friedlich verliefen nach Polizeiangaben bis gestern Abend die Mahnwachen in Wanlo, Immerath (alt) und Borschemich (alt), an denen sich schon gegen Mittag rund 150 Aktivisten aus dem Klimacamp bei Lützerath beteiligt hatten. In Immerath (alt) hatten sich jedoch gegen 10.45 Uhr mehrere, teils vermummte Personen Zutritt in ein leerstehendes Gebäude an der Jackerather Straße verschafft. Die Polizei ermittelte am Abend noch die Eigentumsverhältnisse. "Wir möchten dieses Gebäude nicht besetzen", hatte mittags ein Sprecher der Aktionsgruppe erklärt, "vielmehr wollen wir es den Menschen zurückgeben. Wir stellen mit der Aktion sehr klar, was für die Braunkohle alles zerstört wird und dass hinter dem Problem des Klimawandels mehr steht - wie die Zerstörung lange gewachsener sozialer Strukturen."

Während in dem alten Immerather Kindergarten gestern Yoga und Sambatanz, Clownspiele und Zirkus angeboten wurden, hielten andere Aktivisten, die alle aus dem Klimacamp in Lützerath aufgebrochen waren, drei Mahnwachen ab, fuhren auf Fahrrädern am Tagebau entlang, drückten Samba tanzend oder durch Nacktheit ihren Protest aus oder machten sich bei einer Rallye zum Kohlenabbau im Rheinischen Revier zum Thema schlau. "Wir machen mit den Aktionen darauf aufmerksam, wo in dieser Region Umweltzerstörungen im Sinne des Kohlenabbaus passieren", sagte Judith Zimmermann, eine Pressesprecherin des Klimacamps, das seit einer Woche wie im Vorjahr auf einem Feld in Lützerath gastiert. Bei allen Aktionen gelte die Forderung: "Sofortiger Kohleausstieg, um den Klimawandel zu bremsen."

An der Jackerather Straße in Immerath (alt) eröffneten die Aktivisten des Klimacamps in Erkelenz-Lützerath den ehemaligen Kindergarten neu, um ihn den Menschen zurückzugeben. FOTO: Laaser

Aufgerufen wurde im Klimacamp zu kreativen Protestformen. Bis zum Montag bietet dort eine Aktionslabor genannte Gruppe Menschen einen Raum für deren Protest. Nachdem dieser im vergangenen Jahr an einem Tag eskaliert war - Aktivisten und Polizisten waren am und im Tagebau Garzweiler II teilweise massiv aneinandergeraten -, gab das Aktionslabor, das erstmals die Organisation übernommen hat, für dieses Jahr einen "Orientierungsrahmen für Aktionen" heraus, in dem es unter anderem heißt: "Wie gut unsere Aktionen von Außenstehenden verstanden werden können, hängt häufig auch von der Ästhetik ab, die wir verwanden. Aktionen, die auf Militanzästhetik (wie Feuer und zerstörte Polizeiautos) verzichten, können genauso effektiv in ihrer Blockadewirkung sein und dabei verständlicher für Außenstehende. Daher wünschen wir uns von teilnehmenden Aktionsgruppen, auf diese Formen zu verzichten und stattdessen andere Formen der Unschädlichmachung von zerstörerischer Kohle-Infrastruktur zu finden." Außerdem sei gewollte, dass von den Aktivisten "keine körperliche Konfrontation ausgeht".

Während gestern auf das Informieren gesetzt wurde, soll es am zweiten Aktionstag am Samstag auch um das Blockieren von Infrastruktur gehen, heißt es im Klimacamp. "Was gemacht wird, kann ich heute noch nicht sagen", sagte Zimmermann. Zu erwarten seien kleinere Aktionen, keine große wie im Vorjahr: "Hier haben sich Menschen zusammengefunden, die sich Sorgen um unser Klima machen und die sich genötigt sehen, etwas zu unternehmen."

Eindrücke vom Klimacamp FOTO: dpa, cas tmk

Dieses "Unternehmen" beschränkt sich beim Klimacamp bei Weitem nicht auf die öffentlich auffälligen Aktionstage. Auch der Protestzug am vergangenen Samstag von Borschemich (alt) nach Keyenberg gehörte dazu oder ein Impulsvortrag von Nnimmo Bassey, dem Träger des Alternativen Nobelpreises "Right Livelihood Award", am Dienstag. In dem frei zugänglichen Klimacamp gibt es Workshops, ein Kinderzelt und bis Mittwoch wurde die Degrowth-Sommerschule angeboten, bei der alternative Gesellschaftsformen diskutiert wurden. "Unsere Küche hat insgesamt mehr als 900 Besucher im Klimacamp gezählt, das Spektrum ist unglaublich breit. In den ersten Tagen haben wir in den Workshops Utopien diskutiert, in den wir gerne leben wollen. Und teilweise haben wir versucht, sie umzusetzen", berichtete Zimmermann gestern. So sei das Camp basisdemokratisch organisiert und in den Zeltnachbarschaften gestaltet worden, werde ökologisch nachhaltig gelebt, zum Beispiel nur vegan, saisonal und mit regionalen Produkten gekocht, und auch der Strom stamme aus Wind- und Sonnenenergie, die vor Ort produziert werde. "Es ist schön, zu sehen, dass das alles funktioniert, ohne dass Verzicht geübt werden muss", gab Zimmermann eine Zwischenbilanz.

Quelle: RP
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