| 00.00 Uhr

Erkelenz
Kunst gegen Terror und Gewalt

Erkelenz: Kunst gegen Terror und Gewalt
Torsten Kimura aus Ratingen hat in Erkelenz seine Riesencollage "Ground Zero 9/11" aufbauen können, mit der er sich gegen Terror und Gewalt wendet. Ihm bot das Unternehmen "sun hydraulics" dafür eine Halle an. FOTO: Renate Resch-Rueffer
Erkelenz. "Ground Zero 9/11" heißt die Riesencollage des Ratinger Künstlers Torsten Kimura, die in Erkelenz in den Räumen der "sun hydraulics" zu sehen ist. Die Collage setzt sich mit der Katastrophe vom 11. September in New York auseinander. Von Renate Resch-Rüffer

Eine 36 Meter lange Gerüstwand durchkreuzt die große Halle auf dem Firmengelände von "sun hydraulics". In einzelne Abschnitte sind darauf Themen gestaltet, die sich inhaltlich mit der Katastrophe vom 11. September 2001 und mit Amerika befassen.

Auf den ersten Blick kann niemand erfassen, was gezeigt wird. Es bedarf etwas Zeit, damit sich nach und nach dem Betrachter die Vielschichtigkeit der Arbeit zeigt. Stück für Stück zeigen sich die Details.

Torsten Kimura heißt der Künstler aus Ratingen, der in den vergangenen sieben Jahren an dieser Collage gearbeitet hat. In 16 Module hat er etwa zwei Millionen Einzelteilen eingearbeitet. Es sind beispielsweise rund 3000 Farbtuben verbaut, 650 Sprühlackdosen versprüht, 7000 geknickte Kronkorken aufgeklebt, 4000 amerikanische Fähnchen eingestochen, 5000 Wattebällchen aufgebracht, 9500 Zahnstocher eingepikst, 400 kleine Automodelle und gut 9000 Moosbüschel verbaut. Die Anordnung ist so schwer, dass sie 2500 Kilogramm Gegengewicht brauchte. Mit Sandsäcken ist das Gerüst an der Rückseite beschwert, damit es nicht umkippen kann. Zu zweit und mit Gabelstaplern haben es der Künstler und seine Freunde sechs bis sieben Wochen aufgebaut. Alle Teile sind einzeln aufgebracht und müssen dann natürlich auch einzeln wieder abgenommen werden.

Die Idee zu diesem Vorhaben entstand 2009, als Kimura in einer Dokumentation Bilder des Unglücks sah, die sich so in ihm festsetzten, dass er beschloss, dieses Kunstwerk zu beginnen und darin seine Gedanken zu verarbeiten. Er startete mit dem Modul, das Manhattan darstellt und aus 70.000 Holzstiften zusammengesetzt ist. Es entstand ein stilisiertes Stadtbild auf sechs Meter Höhe inclusive "central park". Die Darstellung der Katastrophe vom September 2001, der Apokalypse folgte darauf. "Es ist wie eine Metamorphose, wie ein Zeitfilm, es kam ein Modul nach dem anderen dazu. Sie wurden nicht alle gleich fertig, sondern entwickelten sich peu à peu", erzählt der Künstler, "es war ein Prozess, der sich über die ganzen Jahre hinzog."

Viele Schichten mit Lackfarben, Acrylfarbe und Materialien sind aufeinander angebracht. In Erdfarben stellt sich die Katastrophe dar, man sieht heruntergefallene Gegenstände. Verlorene Schuhe, ein Stück Krawatte zeigen den Ort der Verwüstung, dunkel und düster.

Davor unmittelbar ein Gedenkpfeiler im Raum, bestückt mit Erinnerungsstücken. Am Fuß des Pfeilers eine kleine brennende Kerze. Besucher können mit einer kleinen Schnur ein Türchen hoch oben in der Collage öffnen, und die Bilder aller Feuerwehrmänner, die bei dem Unglück ums Leben kamen, werden sichtbar. Mit einem anderen Türchen eröffnen sich Bilder des Geschehens. Wie als Mahnung lässt es das Unglück noch einmal erscheinen und wieder in die Erinnerung versinken. "Es ist ein Trauma für Amerika, dass im eigenen Land 3000 Menschen sterben, die mit Krieg und Terror überhaupt nichts zu tun hatten", schildert der Künstler. Deshalb ist das Grundthema seiner Riesencollage "art against terror": Kunst gegen Gewalt, eben durch "Ground Zero 9/11". Doch es ist ausgeweitet, es beschränkt sich nicht nur auf diese Stadt, es bezieht sich auch auf das Land. Ein Teil passt zum anderen, "jedes Modul hat seine eigene Geschichte und geht übergreifend in das andere Modul hinein", sagt Kimura. "Deshalb beschränkt es sich nicht auf die Katastrophe 9/11, sondern ist allgemein gegen Krieg und Gewalt".

Umrahmt ist das Werk mit 600 Platten mit Musikstücken oder Interpreten, die eine Verbindung zu New York haben. Musik von Künstlern, die in New York geboren sind, in New York gelebt haben oder deren Songtitel etwas mit New York zu tun hat. In allen Hüllen befinden sich noch die Platten, sie können herausgenommen abgespielt werden, so dass beim Betrachten auch eine akustische Verbindung hergestellt werden kann und die Musik der Stadt erlebbar wird.

Ronald Moelle von "sun hydraulics" macht diese Ausstellung möglich. Seiner spontanen Intuition ist es zu verdanken, dass das Werk als Ganzes nun für Besucher zu sehen ist. "Ich fand es total überwältigend, deshalb habe ich ihm spontan diese Halle angeboten," erzählt Moelle, "wenn man öfter daran vorbeigeht, sieht man immer etwas anderes." Im Atelier habe er die einzelnen Teile gesehen, wusste jedoch nicht, wie sie zusammengesetzt aussehen. Auch Torsten Kimura selbst hatte das Werk noch nie zusammengebaut gesehen. So entstand die Idee, "Ground Zero 9/11" in Erkelenz zu zeigen. "Wir hatten gerade eine leere, unvermietete Halle und boten ihm an, das Kunstwerk hier aufzubauen," erinnert sich Moelle.

Im Herbst jährt sich die Katastrophe zum 15. Mal. Dann möchte Torsten Kimura seine Arbeit mit weiteren 14 Metern den Menschen in New York vorstellen. Noch sucht er Sponsoren für sein Vorhaben, um Transport und Versicherung bestreiten zu können. Die Fahne von Erkelenz, die Bürgermeister Peter Jansen ihm bei seinem Besuch mitgebracht hat, wird das Kunstwerk begleiten und vor Ort wehen.

Kimura ist zuversichtlich, dass die Menschen dort seine Kunst verstehen: "Man sieht als Nichtamerikaner eine ganz andere Seite. Und ich glaube, so etwas kann nur jemand machen, der total unabhängig ist."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Erkelenz: Kunst gegen Terror und Gewalt


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.