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Erkelenz
Leben für die Kirmes - wenn Schausteller auf Achse sind

Erkelenz: Leben für die Kirmes - wenn Schausteller auf Achse sind
Zwei Schaustellerfamilien: Familie Hartmann aus Hagen (Bild oben) und Familie Dreßen aus Mönchengladbach. FOTO: Anke Backhaus
Erkelenz. Die Erkelenzer Burgkirmes, die morgen beginnt, ist eine von vielen Stationen für Schausteller. Sie leben für den Kirmesrummel - und gewähren beim Aufbau einen Blick hinter die Kulissen. Von Anke Backhaus

Ganz viel Kabelsalat, Zangen und vier Hände. Und direkt daneben steht Bruno Dreßen. "Das ist unsere Bierpipeline. Da muss alles sitzen und passen - wir wollen ja keine Fässer durch die Menschenmenge schleppen." Dreßen hat eine geschickte Lösung gefunden, um den Besuchern auf schnelle Art und Weise kühles Bier und Softgetränke zu servieren: In einigen Metern vom Getränkepavillon entfernt steht der Kühlwagen, der die Fässer beherbergt. Sie sind an ein Leitungssystem angeschlossen, das Bier, Cola und Limo direkt an die Zapfanlage liefert. Fässer schleppen hat sich damit erledigt.

Erst morgen, Freitag, beginnt die große Burgkirmes in Erkelenz, doch schon seit Montag ist der Dr. Josef Hahn-Platz für die Aufbauarbeiten zum Kirmesspaß gesperrt. Zu den Leuten, die schon in diesen Tagen auf dem Kirmesareal unterwegs sind, gehört eben auch Bruno Dreßen. Der Mönchengladbacher stammt aus einer alten Schaustellerfamilie. "Was hinter den Kulissen, also beispielsweise nun beim Aufbau, so alles passiert, sieht der Kirmesbesucher natürlich nicht. Es bedeutet einen hohen Aufwand", weiß er. Das Stichwort Familie ist bei den Dreßens übrigens tatsächlich wörtlich zu nehmen: Verwöhnt Bruno Dreßen die Erkelenzer am kommenden Wochenende kulinarisch und mit kalten Getränken, so ist nebenan sein Bruder Detlef damit beschäftigt, das Kinderkarussell aufzubauen. "Komm' mal her, Herzchen", ruft Bruno seinem Bruder zu - für die RP soll nämlich ein Familienfoto her. Auch die Söhne von Bruno und Detlef sollen mit aufs Bild, sie heißen Bruno und Detlef. Im Leben eines waschechten Schaustellers spielt Tradition eine große Rolle, so auch die Weitergabe von Namen. "Du musst zum Schausteller geboren sein", erzählt Bruno mit großer Überzeugung. Werden kann man das nämlich nicht so einfach.

Zu den guten Seelen des Familienbetriebes gehören Barbara und Dorata. Seit vielen Jahren sind die beiden Frauen mit den Dreßens auf Tour. Akribisch bereiten sie den Getränkepavillon vor, jedes einzelne Glas spülen sie von Hand. Die Bierdeckel werden einsortiert. Alles wird geputzt, damit alles glänzt, wenn morgen das erste Fass angeschlagen wird. Und dann fängt Bruno Dreßen wieder an zu erzählen. "Am Dienstag waren wir um 8 Uhr in Moers, um dort abzubauen. Am Mittwoch um 5 Uhr haben wir alles nach Erkelenz gebracht. Es ist sicherlich anstrengend, aber wir sehen zufriedene Kundenaugen, was uns wiederum froh macht. Darum machen wir das alles."

Mit dem Namen Dreßen ist übrigens ein Fahrgeschäft mit Kultstatus fest verbunden - natürlich wird es auch zu dieser Burgkirmes den Klassiker geben, den Schlagerexpress. "Der Schlagerexpress geht zwar nicht über Kopf, doch es ist nach wie vor ein beliebtes Fahrgeschäft, vor allem bei Familien", weiß Detlef Dreßen. Sein Schlagerexpress ist mittlerweile rund 35 Jahre alt und wird von der Schaustellerfamilie liebevoll in Schuss gehalten. "Wir bringen es regelmäßig auf den neuesten Stand", versichert er.

Unterdessen im Ziegelweiherpark: Dort stehen bereits eine Menge Wohnwagen. Es ist so etwa wie ein kleines Dorf für die Schausteller. Mittendrin: Familie Hartmann aus Hagen. Vater Dany, Mutter Nadine, die Kinder Vanessa (17), Sarina (15), Jona (10) und Dany (5), Hund Sammy und Kaninchen Max. Irgendwie ist es idyllisch bei den Hartmanns und ihren Mitarbeitern. Nach Erkelenz mitgebracht haben sie "1001 Nacht" - Europas größten fliegenden Teppich, der 27 Meter in Höhe schnellt. "Wir brauchen etwa elf Stunden für den Aufbau, der Abbau nimmt sieben Stunden in Anspruch", sagt Dany Hartmann. Der 36-jährige Familienvater ist auch in einer Schaustellerfamilie aufgewachsen. "Mein Uropa war schon Schausteller. Das ist dann über die Generationen so weitergegangen. Ich selbst habe mit 13 Jahren angefangen, mit anzupacken", verrät er. Seine Frau Nadine sorgt dafür, dass sich die Kinder auf den Schulbesuch in Erkelenz vorbereiten. "Das muss alles gut organisiert sein. Aber das läuft prima. Schon jetzt ist der Schulbesuch unserer Kinder in Hilchenbach geplant", sagt sie. Wer Familien wie die Hartmanns und die Dreßens erzählen hört, merkt schnell, mit wie viel Herzblut sie als Schausteller durchs Land ziehen. Sie sind offen, sympathisch, gastfreundlich.

Der Weg führt weiter über den Burgplatz. Jede Menge Werkzeug liegt noch weit verteilt über den Platz, Lkw stehen mit ihren vollgepackten Anhängern an den Fahrgeschäften. Nach und nach leeren sich die Ladeflächen, nach und nach werden die Fahrgeschäfte sichtbar. Auch die Buden sind zum Teil schon platziert. Sie werden auf Hochglanz gebracht. Bei einer Imbissbude kommt ein Wasserschlauch zum Einsatz - alles wird gründlich gereinigt.

Auch in Richtung Burgstraße deutet die Szenerie immer mehr auf das Kirmesgeschehen hin. Der beliebte Stand mit den Korbwaren, das bei den Kindern so stark nachgefragte Entenangeln, die Losbude, bei der man wieder Pflanzen - von klein bis ganz groß - gewinnen kann und noch eine Menge mehr werden für die vier Erkelenzer Burgkirmestage vorbereitet.

Zurück bei den Dreßens. "Eigentlich hatten meine Frau und ich ja wirklich mal vor, nach Erkelenz zu ziehen. Ich finde, das Städtchen ist sehr schön", bekennt Bruno Dreßen. Realisiert hat er den Umzug zwar nie, doch wenn er als Schausteller in Erkelenz zu Gast sein darf, freut ihn das schon sehr. Und dann geht es für ihn auch schon wieder los - zurück zur Bierpipeline, die nun noch gereinigt wird, ehe das Bier fließen kann.

Quelle: RP
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