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Was macht eigentlich?
Liebhaber von allem, was Räder hat

Was macht eigentlich?: Liebhaber von allem, was Räder hat
Bernd Niedermayr fuhr am 31. August 1952 in die Zuschauer. Folge: 13 Tote und etwa 30 Verletzte. Bei der Darstellung der Unfallursache sieht Zimmer "eine Menge Ungereimtheiten". FOTO: Stadtarchiv Wegberg
Wegberg. Siegbert Zimmer (74) aus Rickelrath hat Beruf und Hobby ideal verbunden - vereidigter Kraftfahrzeug-Sachverständiger und Sammler von Oldtimern: Autos, Rennräder und Motorräder. In seinem "Oldtimerhof " gibt es besondere Schätzchen und einige Meter "Berliner Velodrom". Von O. E. Schütz

Ein bisschen verrückt ist er schon. Er weiß das, und er ist stolz darauf: "Wenn man nicht ein bisschen verrückt ist, schafft man das hier nicht", sagt der demnächst 75-Jährige und zeigt über den ehemaligen, 250 Jahre alten Bauernhof in Wegberg-Rickelrath, den er 1998 gekauft und in zwei Jahre währender Arbeit restauriert hat. Aus dem total verkommenen Wohnhaus und den Stallungen sind ein gemütliches Heim, eine kleine Werkstatt, Räume mit diversen Ausstellungsstücken, Ecken zum Verweilen und Fachsimpeln geworden - ein kleines Museum, mag man sagen.

Zimmer ist vereidigter Kraftfahrzeug-Sachverständiger. Für ihn ist dieser Job aber nicht nur nüchternes Erstellen von Gutachten. Für ihn sind Fahrzeuge, ob mit oder ohne Motor, Leidenschaft. Er sammelt alles, was früher mal gefahren ist oder irgendwie damit zu tun hatte. Ein Motor ist für ihn mehr als nur ein nüchterner Antrieb.

Noch ein Schätzchen: der Gegenkolbenmotor von Hugo Junkers. FOTO: ISA

In ihm stecken Wissen, Geschichte und Geschichten, Legenden. Sie sind ein Teil seines Lebens, waren es schon, als er noch zur Schule ging und auf der Straße spielte. Bei ihnen leistet er sich ein paar Extravaganzen. Nicht um zu protzen, sondern weil er einfach Spaß daran hat.

An ein paar automobilen Raritäten zum Beispiel, die er restauriert und zu Schmuckstücken gemacht hat: wirklich seltene Oldtimer-Automobile wie sein besonders geliebter Adler Standard 6, Baujahr 1929, "der beste Adler, den es je gegeben hat." Hans Coenen, der an der Rheydter Hauptstraße eine Adler-Vertretung besaß, hatte so einen. Seine Tochter Paula hat damit Ende der 20er Jahre etliche Sternfahrten, zum Teil vor allen männlichen Konkurrenten, gewonnen.

Siegbert Zimmer. Mitglied des internationalen "Adler Motor Veteranen Club", hat alte Presseberichte darüber gefunden, das Foto des Autos von Hans Coenen gesehen und wusste: "So einen möchte ich haben." Nach langer Suche hat er ihn 1996 in Idar-Oberstein gefunden. In total verrottetem Zustand. In 14-jähriger Feierabendarbeit wurde der Wagen mit Hilfe des Gladbacher Karosseriebauers Hans Frenzen restauriert. Wenn es keine Originalteile zu kaufen gab, hat Zimmer sie von Spezialisten originalgetreu herstellen lassen.

Ein neuer Pokal für Zimmers Sammlung, präsentiert auf einem Stück des Berliner Autodroms in Rickelrath.

Viel gefahren ist er damit nicht, denn solche Schätzchen sind wertvolle Schaustücke. Etwa 3000 Kilometer ist er mit diesem Oldtimer seit 1996 gefahren. Nun aber kommen bald an die 2000 dazu: Siegbert Zimmer geht im Juli mit ihm und seiner Lebensgefährtin Mechtild Gössling als Beifahrerin auf eine dreitägige Ausfahrt des Adler Motor Veteranen Clubs: eine "Genuss-Reise" als touristische Fernfahrt in drei Etappen, vom historischen Adlerwerk in Frankfurt zur Berliner "Avus".

Der erste Sport Zimmers waren Radrennen. Er ist am Rheydter Schrieversweg aufgewachsen. Dort hat er sich als 14-Jähriger bei den Rennen am gefürchteten "Trierer Berg" infiziert. Er ist acht Jahre Rennen am Niederrhein gefahren ("Deutscher Meister war ich aber bei weitem nicht") und hat schon 1956 in Morr den Radsportverein Viktoria Rheydt mitgegründet. Den Club gibt es längst nicht mehr. Doch Siegbert Zimmer hat seine Liebe zu diesem Sport bewahrt. Er ist seit seinem ersten Besuch 1958 in der berühmten Dortmunder Westfalenhalle Fan von Sechstagerennen - "wie es sie heute leider in Deutschland nur noch in Bremen und Berlin gibt", sagt er, "wenn es möglich ist, fahre ich immer noch dorthin, wie zuletzt im Januar zu den Six Days Berlin."

Im Erdgeschoss des ehemaligen Getreidesilo-Turms auf seinem Hof in Rickelrath hat Zimmer mit einem Freund zwei kleine Teilstücke der Gegen- und der Zielgeraden des 1997 eröffneten Berliner Velodrom nachgebaut: mit "hauchdünnem" Zieleinlauf von Original-Rennrädern, auf genau dem Boden aus sibirischer Fichte, wie er in Berlin verwendet ist. Und mit dem Derny-Gespann des berühmten Rennfahrers und fünfmaligen Tour-de-France-Siegers Eddy Merckx. Die "Steherrennen" begeisterten einst auch in Gladbach auf der Radrennbahn am Volksgarten zigtausende Zuschauer.

Bei dieser Radsportdisziplin, die heute in den Hintergrund geraten ist, fährt der "Schrittmacher", auf dem mit einem Schutzschild ausgerüsteten Motorrad stehend, vorneweg, im Windschatten der Radrennfahrer. Mit einem solchen Gespann ist 1950 auf dem Wegberger Grenzlandring, damals schnellste Automobil-Rennstrecke der Welt, ein neuer Fahrrad-Stundenweltrekord aufgestellt worden: Der Franzose José Meiffret fuhr vor 15.000 begeisterten Zuschauern auf dem etwa neun Kilometer langen Rundkurs in exakt einer Stunde 104,875 Kilometer weit. Die alte Bestmarke waren 96,480, die heute gültige sind 109,113 Kilometer.

Elf Profi-Rennräder stehen momentan in der "Ausstellung" in Rickelrath. Siegbert Zimmer hat sie im Lauf der Jahrzehnte erworben, wie seine Automobile oder andere Erinnerungsstücke. "Aber nie zu horrenden Summen", betont er. Sondern zum Freundschaftspreis oder auch Nulltarif von Leuten, die ihre Schätze da sehen wollen, wo man ihren ideellen Wert zu schätzen weiß. Wie auch den der Originaltrikots und Pokale, die ihm anvertraut worden sind.

Quelle: RP
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