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Erkelenz
Nach 122 Jahren: Goertz macht dicht

Erkelenz: Nach 122 Jahren: Goertz macht dicht
Johannes Goertz und seine Eltern Roswitha und Franz-Josef schließen die Traditionsbäckerei zum Jahresende. FOTO: Laaser
Erkelenz. Zwei der drei noch existierenden alteingesessenen Erkelenzer Bäckereien schließen Ende des Jahres für immer. Von Mario Emonds

Wer in der Erkelenzer City tief in der Nacht auf dem "Kneipenpfad" zwischen Markt und Franziskanerplatz unterwegs ist, der kommt, sofern er die Variante durch die Schülergasse wählt, unweigerlich an dem Eckhaus an der Kirchstraße vorbei. Aus dem dringt zu dieser Zeit stets Licht nach außen, duftet es zudem lecker. Was auch so sein muss. Denn dann wird in der Bäckerei Goertz schon fleißig gearbeitet, stehen Bäckermeister Franz-Josef Goertz (78) und sein Sohn Johannes (48) in der Backstube und bereiten die Waren für den kommenden Tag zu. Das wird aber nur noch bis Ende dieses Jahres der Fall sein. Dann schließt diese klassische Familienbäckerei für immer, geht so eine 122-jährige Geschichte zu Ende.

Die wirtschaftliche Lage sei dafür entscheidend, erläutert Franz-Josef Goertz - und zieht eine Parallele zur ebenfalls zum Jahreswechsel schließenden Bäckerei Lütterforst an der Brückstraße/Ecke Ostpromenade: "Auch die schließt ja nicht zuletzt, weil sie das Risiko scheut, kräftig in eine dringend nötige Modernisierung zu investieren. Genauso ist es auch bei uns. Auch wir müssten gehörig investieren - ganz normal nach 50, 60 Jahren. Bei den heutigen Bedingungen wäre das aber eine viel zu waghalsige, ja geradezu abenteuerliche Sache. Daher machen wir schweren Herzens Ende dieses Jahres dicht."

Eine große Rolle dabei spiele zudem der angegriffene Gesundheitszustand zum einen bei ihm selbst, zum anderen aber gerade auch bei seiner 72-jährigen Frau: "Roswitha ist seit knapp einem halben Jahrhundert die Seele des Geschäfts, arbeitet von morgens früh bis abends spät mit, steht eisern neben mir. Ohne sie hätte unser Familienbetrieb über diesen langen Zeitraum überhaupt nicht bestehen können. Von daher ist dieser Schritt nun unumgänglich. Einige sagen sogar, dass wir diesen schon viel eher hätten gehen sollen."

Silvester wird also der letzte Tag sein, an dem die Bäckerei regulär geöffnet hat. "Am Nachmittag gucken wir dann, was alles übriggeblieben ist. Wenn das viel ist, machen wir Neujahr noch mal auf, verkaufen den Rest. Dann ist aber definitiv Schluss", erklärt Franz-Josef Goertz. Die Familie hat auch schon eine Firma beauftragt, die im Januar die Backstube komplett demontieren wird. Goertz: "Es gibt kein Zurück mehr." Für die Geräte habe man einen Käufer gefunden.

Der einst jüngste Meisterschüler seines Jahrgangs (1959 legte Franz-Josef Goertz in Olpe als 21-Jähriger seine Bäckermeisterprüfung ab) dürfte bis zum Jahresende weit und breit der älteste noch dauerhaft aktive Bäckermeister sein. "Was man 60 Jahre lang getan hat, kann man nicht so einfach an den Nagel hängen", sagt er.

Die Bäckerei hatte sein Großvater Conrad Goertz 1893 gegründet - ebenfalls schon am heutigen Standort. Dessen Sohn Leo Goertz setzte das Werk fort, 1968 übernahmen Franz-Josef Goertz und seine Frau Roswitha (die beiden sind seit 51 Jahren verheiratet), ehe im Jahr 1994 Sohn Johannes die Meisterprüfung ablegte und den Familienbetrieb in die vierte Generation führte.

Was es mit der ungewohnt vielen Freizeit ab dem neuen Jahr machen wird, weiß das Ehepaar Goertz noch nicht so recht. "Erst einmal muss im Januar der Laden abgewickelt werden. Danach wollen wir erst mal unsere Ruhe haben", erklärt Franz-Josef Goertz - und Ehefrau Roswitha ergänzt: "Der Zwang, früh aufstehen zu müssen, fällt dann weg. Eine Langschläferin werde ich deswegen aber nicht mehr werden."

Und immerhin gibt es schon Pläne für eine Reise. "Seit 30 Jahren sind wir nicht mehr in Urlaub gefahren. Der letzte war 1985 in Echternach - das ist der Ort mit der bekannten Springprozession", sagt der Bäckermeister. Seine Frau verrät, wo die Reise nun hingehen soll: "Skandinavien reizt mich sehr."

Quelle: RP
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