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Erkelenzer Land
Pfingsten - Fest der Verständigung

Erkelenzer Land. Muslime laden in diesen Tagen in offene Moscheen ein - Christen feiern zu Pfingsten die Ökumene, den Dialog über Grenzen hinweg. Pfarrer Titus Reinmuth und Nuray Bayrak-Verim über die Herausforderung, Barrieren zu überwinden. Von Angelika Hahn und Gabi Laue

Pfingsten ist für den evangelischen Pfarrer Dr. Titus Reinmuth aus Wassenberg in der Tat ein Fest der Verständigung. Die Pfingstgeschichte in der Bibel erzählt von einem Fest in Jerusalem, zu dem Menschen ganz verschiedener Sprache zusammenkamen und sich durch des Wunder des Heiligen Geistes plötzlich verstehen. Die erst zurückhaltenden Jünger fassen Mut, ihren Glauben nach draußen zu tragen und in vielen Sprachen zu predigen.

Für Reinmuth, den stellvertretenden Evangelischen Rundfunkbeauftragten beim WDR, der bis Ende 2012 Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Wassenberg war, ist Pfingsten eine "Herausforderung, sich in die Kultur anderer hineinzuversetzen, Sprachbarrieren im wörtlichen und übertragenen Sinne abzubauen". Von daher sieht er die an diesem Wochenende in manchen Gemeinden auch unserer Region stattfindenden ökumenischen Gottesdienste und Pfingsttreffen, aber auch die muslimische Initiative der Offenen Moscheetage als eine treffende Geste, den Sinn des Festes - Verständigung - mit Leben zu erfüllen.

Für besonders wichtig vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen hält Reinmuth den Dialog mit muslimischen Mitbürgern und Flüchtlingen nicht-christlicher Religionen. Und dabei denkt er nicht nur an Geselliges, so schön "Multi-Kulti-Feste" auch sind. "Wichtig ist ein ernsthafter Dialog, in dem auch tiefergehende Fragen, die den Glauben und kulturelle Traditionen betreffen, gestellt werden dürfen. Echtes Interesse an einander muss auch kritische Fragen zulassen können", sagt Reinmuth.

Pfingsten ist für den evangelischen Kirchenmann aber auch eine Herausforderung an Christen, sich darüber klar zu werden, "wofür wir eintreten in Kirche und Gesellschaft" und dies auch nach außen hin zu vermitteln. "Damit tun wir Christen uns als satte Mehrheit in Deutschland - zwei Drittel bis drei Viertel der Deutschen geben an, einer christlichen Kirche anzugehören - heute eher schwer", meint Reinmuth. "Wir stehen nicht unter Erklärungsdruck, vieles ist Gewohnheit, Konvention geworden." Anders viele Muslime hier. "Sie sind in der Minderheit und wollen deshalb viel mehr zum Ausdruck bringen, was ihre Identität ausmacht." Reinmuth glaubt, dass keine Religion einen allein seligmachenden Wahrheitsanspruch erheben darf. Zur Islamismusdebatte bemerkt er: "Religionsfreiheit endet da, wo unsere demokratischen Grundwerte missachtet werden." Aber er sieht auch einen Angleichungsprozess: "Für viele der von Geburt an in Deutschland lebenden Muslime spielt die Religion im Alltag mittlerweile längst keine dominierende Rolle mehr. Sie leben ihren Glauben ähnlich intensiv wie der Großteil der Christen."

Zum Dialog mit Muslimen geben in Hückelhoven die "four days" - mittlerweile ganze sechs Tage - bis Pfingstmontag reichlich Gelegenheit. Verständigung klappt unter Kindern bestens. Auch in der Johannes-Holzapfel-Schule Doveren sitzen christliche und muslimische Schüler einträchtig nebeneinander. Die "offene Moschee" bot den deutschen Kindern Gelegenheit, die Stätte des Glaubens ihrer Mitschüler kennen zu lernen. "Die türkischen Kinder erzählen montags in der Schule, dass sie in der Moschee waren, dort den Koran auswendig lernen und wie gut sie verpflegt worden sind", berichtet Religionslehrerin Monique Moll. Da die 4a und 4b gerade etwas über die Weltreligionen gelernt hatten, bot sich ein Moschee-Besuch an. Den vermittelte Nuray Bayrak-Verim (36), deren Sohn die 4a besucht. Die Tochter geht in die zweite Klasse. Viel Kontakt entstehe aus dem monatlichen Elterncafé, das beim gemeinsamen Kochen und Essen die Integration fördert, erklärt Lehrerin Andrea van Montfort. "Die türkischen Eltern bringen sich beim Schulfest ein", sagt sie weiter. "Während deutsche Mütter die Kuchentheke bestücken, bereiten sie türkische Spezialitäten zu, die sind immer als erstes weg." An Aktivitäten und Festen nehmen auch türkische Mütter teil, die kaum Deutsch können, ergänzt Nuray Bayrak-Verim. "Zum gesunden Frühstück kamen zehn türkische Frauen, von denen nur zwei oder drei Deutsch sprechen. Da übersetzen die anderen halt." Sprachliches Bindeglied für die Kinder ist ein Türkisch-Lehrer, der dreimal pro Woche in der Schule Neuerungen auf Türkisch erklärt.

Beim Besuch in der Moschee durften die Viertklässler den Koran sehen, ein türkisches Kind hat vorgebetet, eins hat aus dem Koran vorgelesen, den Inhalt übersetzt und erklärt. "Die Kinder haben mit offenen Mündern aufmerksam zugehört", so Monique Moll. "Die türkischen Mitschüler wollten ganz viel erzählen."

Während die Kinder im "Frauenbereich" draußen spielen, erzählt Nuray Bayrak-Verim vom Zuckerfest, zu dem die türkischen Kinder frei haben, von der Gemeinschaft in der privat von Mitgliederbeiträgen finanzierten VIKZ-Moschee. 80 Frauen, meist mit Kopftuch und langem Mantel, kochen und backen ehrenamtlich für hunderte Gäste. Nuray spricht vom Fasten und Alkoholverzicht. "Eigentlich müsste auch ich den Kopf bedecken", räumt sie ein. Doch die 36-Jährige, in Deutschland geboren, gibt sich leger - schwarze Jeans, T-Shirt, die Sonnenbrille lässig ins lange blonde Haar geschoben. Ihr Mann ist eingebürgert, sie hat noch den türkischen Pass. Wie eine "Fremde" wirkt sie nicht. "Eigentlich bin ich auch mehr Deutsche", sagt Nuray und lacht.

Quelle: RP
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