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Erkelenz
Schauspiel der Erinnerungen

Erkelenz: Schauspiel der Erinnerungen
Szene aus dem Altentheater-Stück zum Jubiläum der Hermann-Josef-Stiftung in der Stadthalle Erkelenz: Ohne Kostüme und Bühnenbild kommt das Ensemble des Freien Werkstatttheaters Köln aus. Es entführt in einen imaginären Tanzpalast. FOTO: Jürgen Laaser
Erkelenz. Mit dem Gastspiel eines Altentheater-Ensembles aus Köln klang das Jubiläum aus: 150 Jahre besteht die Erkelenzer Hermann-Josef-Stiftung, zu der Krankenhaus, Altenheim, Hospiz, Pflegeschule und ambulantes Pflegezentrum gehören. Von Daniela Giess

ERKELENZ Beeren sammeln mit der ganzen Familie. Schwimmen lernen im See. Im wilden Galopp ohne Sattel und Zaumzeug über die Felder und Wiesen der Großeltern galoppieren. Erinnerungen an eine glückliche Kindheit. "Ein Lieben lang" heißt die ungewöhnliche Inszenierung des Freien Werkstatttheaters aus Köln, das seit 1979 mit einem eigenen Altentheater-Ensemble auf sich aufmerksam macht. Die Lebens- und Zeitgeschichte der Beteiligten widerzuspiegeln, ist eine der anspruchsvollen Aufgaben, denen sich die 26 Frauen und Männer von 63 bis 93 Jahre stellen. Das Altentheater möchte aber noch mehr - es will den Eintritt ins Pensionsalter, der nicht immer leicht fällt, und den Alltag von Senioren thematisiert.

Zum 150-jährigen Bestehen der Erkelenzer Hermann-Josef-Stiftung, zu der neben dem Krankenhaus unter anderem das gleichnamige Altenheim gehört, folgte die bunt gemischte Laientruppe aus der Domstadt einer Einladung zum Gastspiel in der gut gefüllten Erkelenzer Stadthalle. Mit dieser Veranstaltung lasse die Stiftung das Jubiläumsjahr ausklingen, erläuterte Jann Habbinga, deren Verwaltungsdirektor. Er erinnerte in diesem Zusammenhang an den Tag der offenen Tür, bei dem das Hermann-Josef-Krankenhaus im Juni seine Pforten für die interessierte Bevölkerung öffnete.

Altenheim-Leiterin Ursula Hönigs erklärte, dass das Altenheim inzwischen auf 41 Jahre zurückblicke. Nachdem die Bewohner das Altentheater im vergangenen Jahr in Köln gesehen hätten, sei das Stiftungsjubiläum nun ein willkommener Anlass für den Gegenbesuch der "ganz speziellen Theatertruppe" in Erkelenz. Hönigs lud die zahlreichen Theaterbesucher ein, im Foyer der Stadthalle den Abend stimmungsvoll ausklingen zu lassen mit kleinen Gaumenfreuden aus der Senioreneinrichtung am Schulring.

Mit den Worten "Theater ist unsere Leidenschaft, die Bühne ist unser Leben, unser Leben ist die Bühne" stellte sich das Ensemble dem Publikum in Erkelenz vor. "Ein Lieben lang", die eindrucksvolle Inszenierung der Musikdramaturgin Ingrid Berzau, die von Stimm-Trainerin Sabine Falter unterstützt wurde, kommt ohne Kostüme und Bühnenbild aus. Ein paar Stühle und kleine Bistrotische bilden die Kulisse für den imaginären Tanzpalast, in den die betagten Akteure entführen. Hier präsentieren die Ball-Gäste in kurzen Sequenzen ihre ganz persönlichen Geschichten.

Der Krieg ist aus. Er hat aber Spuren hinterlassen. Nicht nur äußerlich. Erinnerungen an Fliegerangriffe und die bangen Stunden im Luftschutzbunker, die Wände wackeln bei Einschlägen. An den Vater, der zurückkehrt aus der Gefangenschaft, die schwere Nachkriegszeit ohne ausreichende medizinische Versorgung, ohne eigene Wohnung, aber mit Hunger und einer provisorischen Unterkunft auf der alten Kegelbahn im Landgasthof. Und an die Romanze mit dem Lehrling, der bald nach Zürich geht und dessen Liebesbriefe das junge Mädchen hauptpostlagernd empfängt, damit die Eltern nichts merken.

Dann der 13. August 1961. Ein Sonntag. Die Mauer wird gebaut. Stacheldraht am Brandenburger Tor. Eine Limousine fährt vor, aus der Willy Brandt steigt, damals Bürgermeister in Berlin. "Wir sind die beiden Einzigen am Brandenburger Tor, er steht neben mir", erinnert sich der alte Herr aus dem Altentheater. Lautsprecherwagen mit sozialistischen Liedern auf der Ostseite.

Anhaltender Applaus belohnte die Mitglieder des Kölner Altentheaters für ihre gelungene Theateraufführung.

Quelle: RP
 
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