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Erkelenz
Schwindende Burgen und Herrensitze

Erkelenz. Archäologe Markus Westphal referierte über einst 21 Befestigungen auf Erkelenzer Stadtgebiet, von denen es noch 14 gibt. Der Wissenschaftler bedauerte den durch den Braunkohlentagebau Garzweiler II bedingten Verlust. Von Willi Spichartz

Die Stadt Erkelenz hat ein Alleinstellungsmerkmal, um das niemand sie beneidet: In ihrem Osten verschwinden mit mehreren Stadtteilen auch deren wehr- und kulturhistorische "Burgen, Herrensitze und andere Wehranlagen", wie sie der Archäologe Markus Westphal in einem gleichlautenden Referat im Alten Rathaus vorstellte. Der Wissenschaftler, der auf Einladung des Heimatvereins der Erkelenzer Lande und der Volkshochschule des Kreises Heinsberg in Text und Bild vortrug, machte deutlich, dass er den Verlust persönlich bedauert.

Knapp 60 Interessenten teilten die Aufmerksamkeit für die bis zu 1100 Jahre alten Anlagen, mit denen sich Markus Westphal in einem mitteleuropäischen Projekt 2010/2012 befasst hatte. Sie erfuhren, dass nach der Definition des Titels eine Burg ein Adelssitz und eine Festung im militärischen Sinn sein muss. Und diese Bedingungen erfüll(t)en im Stadtgebiet Erkelenz 21 Befestigungsanlagen, nach 2012 nur noch 14 - und es werden nach den derzeitigen Braunkohlenabbauplänen von RWE Power noch weniger. Anlagen oder deren Reste, die schriftlich dokumentiert oder Landschaftsmerkmale wie ehemalige Motten sind, fallen mit Keyenberg, Berverath, Kuckum, Ober- und Unterwestrich sowie dem Eggerather und dem Roitzerhof in der Feldgemarkung bei Holzweiler bis zum Jahr 2035 Garzweiler II zum Opfer. Westphal beklagte angesichts erheblichen Finanz- und Personalmangels bei der staatlichen Denkmal- und Bodendenkmalpflege große Defizite bei der Sicherung von Anlagen. RWE Power tut Westphal zufolge lediglich ein Zwanzigstel dessen, wozu es verpflichtet wäre; einen dreistelligen Millionenbetrag müsste das Unternehmen für diese Zwecke eigentlich zur Verfügung stellen. Das führe auch zu einer Wettbewerbsverzerrung, da andere Energieträger zu Grabungen und Dokumentationen verpflichtet würden und damit höhere Produktionskosten zu tragen hätten. Hubert Rütten vom Heimatverein verwies auf Untersuchungen der renommierten "Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte" (DGUF), nach der die Mittelkürzungen des Landes Nordrhein-Westfalen 2012/2013 zu Rückgängen von um die 30 Prozent bei Grabungen und Rettungsgrabungen geführt hätten.

Neben den bekannten Burgen und Wehranlagen wie Haus Paland in Borschemich, dem Haus Keyenberg und dem Haus Pesch hatte Archäologe Westphal bei seinen Forschungen einige neue Erkenntnisse herausgearbeitet, unter anderem, dass dem Haus Pesch gegenüber eine ältere Burg gelegen haben muss. Er habe zeitig darauf hingewiesen, doch aus Finanz- und Personalmängeln bei der zuständigen Bodendenkmal-Behörde sei keine Grabung vorgenommen worden, Erkenntnisse gingen jetzt endgültig verloren.

In Houverath, was fast nicht bekannt ist, ist heute neben dem sogenannten Püllenhof noch eine wasserumgebene Motte zu sehen, der Vorgängerin einer Burg, die nordöstlich des heutigen Püllenhofs gelegen hat. Grafen von Houverath ließen sie bauen, sie wurde im 19. Jahrhundert niedergelegt. Markus Westphal ließ seinen Vortrag positiv enden: Die Restaurierung der Erkelenzer Burg mit öffentlichen und privaten Mitteln mit dem neuen Dach sei beispielhaft für den Umgang mit wehr- und kulturhistorischen Bauwerken.

Internet Markus Westphal: www.westphal-digital.de; Projekt Europäische Burgendokumentation: www.ebidat.de"; DGUF: www.dguf.de.

Quelle: RP
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