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Rp-Serie 70 Jahre Ende Des Zweiten Weltkriegs (teil 8)
Starke Schäden durch "moral bombing"

Wegberg. Die Mühlenstadt Wegberg bildete im Winter/Frühjahr 1945 kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs (ZWK) eine Pufferzone. Der mörderische Krieg befand sich seit Oktober 1944 in einer seiner härtesten Phasen an der Westfront überhaupt. Von Willi Spichartz

WEGBERG Die Überwindung der von der deutschen Nazi- und Militärführung stark ausgebauten "Rurfront" durch die Alliierten aus US-Amerikanern, Briten und auch Kanadiern galt als eine der härtesten Phasen an der Westfront. An der Schwalm wurde die Einnahme der bis dahin größten deutschen Stadt im Kriegsverlauf, Mönchengladbach mit 170 000, dazu Rheydt mit rund 90 000 Einwohnern, durch die Alliierten mit riesigem Aufwand an Menschen und Kriegsmaterial vorbereitet.

Entsprechend wurde Wegberg bombardiert, was von den Briten bereits 1940 begonnen worden war. Die Eisenbahnlinien und der Grenzlandring waren immer wieder Ziele von Angriffen aus der Luft, ab Juli 1944 sollte mit erheblich verstärkten Bombenabwürfen die Durchhaltemoral ("moral bombing") der Bevölkerung gebrochen und die Verkehrsinfrastruktur zerstört werden. Rathaus, Kirchen, Krankenhaus, die Wegberger Mühle wurden schwer getroffen, 35 Häuser wurden dem Erdboden gleich gemacht, 50 schwer getroffen und rund 450 leicht beschädigt. Insgesamt beklagte die Stadt rund 550 Kriegstote aus gefallenen Soldaten, in der Gefangenschaft verstorbenen sowie durch Bombardierung und Artilleriebeschuss umgekommene Menschen. Nicht enthalten sind in dieser Aufstellung ermordete und durch sonstige Willkür zu Tode gekommene Zwangsarbeiter sowie die nach dem Krieg noch gestorbenen Opfer von Minen- und Munitionsexplosionen. Bomben von bis zu vier Tonnen Einzelgewicht fielen auf Wegberg - da die Feuerwehr und andere Hilfsdienste von den Nazis über den Rhein wegbeordert worden waren, brannten getroffene Bauwerke völlig aus.

Am 27. Februar, einem Dienstag, leisteten auf der sogenannten "Flugwache" bei Watern, auf dem Gelände des heutigen St.-Georg-Jugendheims, noch eine Handvoll deutscher Soldaten etwas Widerstand gegen die vorrückenden US-Panzer mit einer Flugabwehrkanone (Flak), auch die davor im freien Feld stationierten Soldaten der Artillerie gaben ein paar Schüsse ab, beide Gruppen machten sich dann aber eiligst davon. Das war dann auch der letzte Widerstand in Wegberg gegen die Alliierten überhaupt. Nur ein paar Schüsse gab es wenig später noch bei Rickelrath, als sich 15 Pferdegespanne mit deutschen Soldaten von der Molzmühle herkommend überraschend US-Panzern gegenüber sahen. Nach einigen Schüssen taten die Deutschen das einzig Richtige: Sie ergaben sich.

Einen Zwischenfall gab es dann noch am westlichen Grenzlandring, wo unbemerkte deutsche Pioniere die Eisenbahnbrücken sprengten und die umherfliegenden Trümmer einige Amerikaner töteten und verletzten.

Als Wegberg am 28. Februar schon vollständig in alliierter Hand war und die Zivilisten sich sicher glaubten, kam es erneut zum Artilleriebeschuss - allerdings von den letzten deutschen Soldaten in Mönchengladbach, die der irrigen Auffassung waren, sie hätten die Amerikaner damit noch aufhalten können. In der Nacht zum 1. März (dieser Februar hatte ja nur 28 Tage) hatte sich die gesamte Nazibonzenschaft aus Mönchengladbach abgesetzt, nicht ohne versprengten Wehrmachtseinheiten das Durchhalten ebenso zu befehlen wie Brücken und Lebensmittellager in die Luft zu jagen. Die Amerikaner wunderten sich, dass sie die Stadt von 170 000 Einwohnern, von denen allerdings nur noch 50 000 da waren, an einem Tag ohne großen Widerstand erobern konnten. Damit war auch für Wegberg der Kriegsteil der aktiven Kampfhandlungen endgültig außer Reichweite.

Hatten die Alliierten von der Invasion in der französischen Normandie im Juni 1944 bis Oktober, also in vier Monaten, Aachen und Geilenkirchen erreicht, benötigten sie weitere vier Monate, um von dort aus die Rur zu überschreiten. Das sagt alles über die Härte der Durchhaltebefehle von Hitler persönlich und deren Befolgung durch die Nazi- und Wehrmachtsführungen aller Ebenen und natürlich der deutschen Wehrmachtssoldaten und der SS-Kampfeinheiten, es sagt vor allem auch etwas darüber, mit welchem Einsatz die US-Soldaten, in einem anderen Kontinent beheimatet, für die Niederschlagung des Nazisystems in Europa kämpften. Insgesamt starben 400 000 von ihnen, den weitaus höchsten "Blutzoll" entrichtete allerdings mit 13 Millionen Soldaten und 14 Millionen Zivilisten die Menschen der damaligen Sowjetunion.

Die 9. US-Armee hatte am 26. Februar bei Hilfarth und Hückelhoven in der Operation "Grenade" die Rur überschritten und die Bergbaugemeinde eingenommen, am gleichen Tag Erkelenz. Von dort aus ging es am 27. Februar weiter über Uevekoven, Beeck nach Wegberg, dessen westlicher Teil von Gerderath-Arsbeck her eingenommen wurde, wohin sich die von Hückelhoven aus kommenden alliierten Truppen über Wassenberg vorgekämpft hatten. Allerdings war der Widerstand der deutschen Truppen aus Wehrmacht und Waffen-SS erheblich schwächer geworden, es hatte beim Kampf vor und an der Rur enorme Verluste an Toten und Verwundeten gegeben, Waffen und Munition gingen zu Ende, Soldaten und die verbliebene deutsche Zivilbevölkerung sehnten das Ende des Kriegs herbei.

Von Wegberg aus benötigten die West-Alliierten dann nur noch zwei Monate, um sich am 25. April bei Torgau an der Elbe mit der Roten Armee der Sowjetunion zu vereinigen, die bereits am 21./22. April Berlin eingenommen hatte. Erst am 8. Mai kapitulierte die bis zuletzt fanatisierte Führung des Staates und der Wehrmacht, die nach Hitlers Selbstmord am 30. April von einem Wehrmachtsangehörigen, Admiral Dönitz, geführt wurde, dessen Durchhaltebefehlen noch in den letzten Tage Tausende von Menschen zum Opfer fielen.

Quelle: RP
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