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Serie Sie Zogen In Die Welt Hinaus - Teil 8
Sturz mit Fahrrad wird zum Literaturerlebnis

Erkelenz. Professor Dr. Ralf Georg Czapla, ein Sohn der Stadt Erkelenz, ist hoch angesehener Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaftler. Von Hans Groob

ERKELENZ Noch einmal unterwegs zu später Stunde, mit dem Fahrrad natürlich, denn das Abendrot lädt ein. Die gerade Strecke noch und dann die Steigung. In Gedanken bereits zu Hause. Dunkel liegt die Kurve vor mir. Und Blätter liegen in ihr, weich und glatt. Das Hinterrad gleitet weg. Ich drehe mich im Kreis. Du hast keinen Helm, dachte ich noch. Da nähert sich der Grenzstein. Ein Schlag, ein Aufprall. Blitze, dann Dunkelheit und sekundenlanges Nirvana. Des Herbstes Duft kriecht über den Boden. Still atmen die Auen der ruhig dahinfließenden Sieg. Schmerz ruft mich zurück. Jeder Ton hat einen Nachklang. Der Schädel ist ein Glockenkelch. Das Hirn klöppelt darin.

Noch keinen Monat ist es her, da nutzte der in St. Augustin lebende und in Erkelenz geborene und groß gewordene, inzwischen nicht nur in Deutschland viel beachtete Autor und Literaturkenner Professor Dr. Ralf Georg Czapla die sozialen Medien, um "seinen Freunden" mitzuteilen, warum ihn eine Gehirnerschütterung für gut eine Woche außer Gefecht setzen würde. Gleichsam zog er aus dem schmerzhaften Ereignis, das er durch seine Worte dann noch zu einem kurzen literarischen Erlebnis machte, die Erkenntnis, in Zukunft nicht mehr ohne Schutzhelm zu radeln. Natürlich in erster Linie zur Erhaltung der Gesundheit, aber auch um berufliche Aktivitäten nicht zwangsweise unterbrechen zu müssen, gehört Ralf Czapla doch zu den Meistgebuchten in der Republik, dessen Themenpalette im Feld von Ausstellungsbegleitungen, Lesungen, Vorträgen und Präsentationen sehr vielfältig ist. Dazu schöpft er unter anderem aus seiner Bibliothek, die er selbst als "ziemlich groß" einstuft, in der es sogar eine "Abteilung Rom und Italien" gibt. Die Basis dazu ist am Cusanus-Gymnasium Erkelenz mit der Wahl von Latein als Anfangssprache gelegt worden, "die mich nicht mehr loslassen sollte". Ab 1983 studierte Georg Czapla an der Universität Bonn sogar Latinistik und habilitierte 2008 an der Universität Heidelberg in der Neueren deutschen Literaturwissenschaft mit einer Arbeit über lateinische Bibeldichtungen deutscher und italienischer Humanisten.

Geboren ist Ralf Georg Czapla am 24. Juni 1964 im Erkelenzer Stadtteil Immerath, aufgewachsen ist er dann in Erkelenz (City), im sogenannten Koepe-Haus im Heinrich-Jansen-Weg, schräg gegenüber der Polsterei Kehren: "Noch heute höre ich die Hammerschläge, die aus der Werkstatt drangen." Nachhaltig in Erinnerung ist ihm das Schreibwarengeschäft gleich um die Ecke auf der Kölner Straße, wo er bei Ernst Völlger nicht nur Schulhefte, sondern vor allem Bücher kaufte. Das Erkelenzer Land lernte er kennen und lieben, als er seinen Vater auf dessen Dienstfahrten begleiten durfte: Manfred Czapla war 1957 aus Ratibor (Oberschlesien) nach Erkelenz gekommen und hatte die umliegenden Dörfer als Schornsteinfeger versorgt. "Manni" war schon von weitem zu erkennen mit schwarzem Käppi und dem typischen Schultereisen sichtbar auf der linken Schulter. Ralf Georgs Mutter stammte aus Danzig und kam über Braunschweig nach Dalheim, wo sie als Pflegerin im Kinderheim arbeitete, dann ab 1958 den Haushalt des praktischen Arztes Dr. Joseph Kux auf der Kölner Straße führte. Bis zur Geburt von Ralf Georg, der im Immerather Haus Nazareth das Licht der Welt erblickte: "Das Dorf habe ich später oft mit dem Fahrrad aufgesucht und fand, dass es eines der schönsten am linken Niederrhein ist. Ich habe an Sommertagen im Schatten des Immerather Doms gerastet". Sehr verärgert ist der Literatur- und Kulturwissenschaftler darüber, "dass diese Kulturlandschaft inzwischen den Braunkohlebaggern geopfert wurde und noch wird, obwohl die Braunkohle wirtschaftlich längst nicht mehr rentabel ist".

Eingeschult wurde Ralf Georg Czapla 1970 in der Schülergasse, wo in der alten Schreinerei Frings Grundschulklassen eingerichtet waren. Gelehrt wurde in der Gasthausstraße (jetzt Leonhardskapelle), dann im neuen Gebäude am Zehnthofweg. Klassenlehrerin Monica Böhmer, "Fußballlehrer" Josef Geiser und Heinz Malig ("Ihr werdet Euch noch umgucken!") sind in lebendiger Erinnerung: "In der Tat habe ich mich im Leben so manches Mal nach den Kindertagen umgeguckt, wehmütig und sehnsuchtsvoll." Anker im Jungengymnasium (Cusanus-Gymnasium) waren für Czapla einige Studienräte. Bernd Uppenkamp "war ein erstaunlicher Lehrer, sorgte für die Grundlagen". Klaus Kaibel "verkörperte die Synthese von Christentum und Humanismus als Lebenshaltung, von ihm wusste ich, dass das Studium der Latinistik in Bonn so hart war wie an keiner anderen Uni". Emmy Jungen und Norbert Senderek "verdanke ich, dass die Germanistik mein zweites Studienfach wurde". Dem Ersten Staatsexamen 1990 folgte 1994 das Zweite nach dem Referendariat in Krefeld und am Cusanus in Erkelenz. Dort war der ehemalige Englisch-Lehrer Walter Wiertz sein Betreuer: "Ein begnadeter Pädagoge, den ich wegen seiner Gradlinigkeit und Eloquenz immer sehr bewundert habe."

Danach galt es, sich zu entscheiden - lehren oder noch forschen dazu. Es wurde Zweiteres. Der Erkelenzer vertrat nach seiner Assistenzzeit in Marburg und Heidelberg (hier erfolge 2008 auch die Habilitation) die Lehrstühle Freiburg, Bern und Tübingen, um dann 2012 in Heidelberg außerplanmäßiger Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und vergleichende Literaturgeschichte zu werden.

Zu den Höhepunkten seiner Lehrtätigkeit gehören für Professor Dr. Ralf Georg Czapla die beiden Semester als Gastprofessor in Rom an der Universität "Tor Vergata". "Über die Jahre", so Czapla, "ist Rom für mich ein Stück Heimat geworden." Wozu auch die italienische Normalität Sciopero - Streik - gehört, mit dem er auch gleich Bekanntschaft machte, denn die U-Bahn lag lahm: Von "Lepanto" in der Nähe des Vatikans machte er sich per Bus auf zur Uni. Zigmal umzusteigen bedeutete von einer Sardinenbüchse in die nächste. Die Sprache wurde für den Lateiner immer unitalienischer, eher stadtrömisch wie man es von Fußballstar Francesco Totti, einem waschechten Römer, kannte. Schmunzelnd meint Ralf Georg Czapla: "Ich vertraute mich also der Führung der Heiligen an, die es in den römischen Kirchen in Form knöcherner Überbleibsel zuhauf gibt. Und siehe da, ich kam zeitig zur Vorlesung an." Die neuen Kollegen attestierten ihm, die Feuertaufe bestanden zu haben.

Forschungsprojekte in der Ewigen Stadt sind für Czapla erst dann "so richtig schön, wenn man sich von den Touristenzentren entfernt". Verträumte Viertel, gemütliche Cafés, kuriose Flohmärkte machen es aus. Zwei Bücher über Rom stammen inzwischen aus der Feder des gebürtigen Erkelenzers, dazu mehrere Aufsätze, in denen er die deutsche Dichtung nach ihrer lateinischen Tradition befragt. Außer in Rom hält Ralf Georg Czapla sich derzeit oft in der Reggio Emilia auf, um Materialien für ein Buch über den Widerstandskampf der Partisanen gegen den Faschismus zu sammeln. Der Funke dazu wurde übrigens auf seiner Studienfahrt mit dem Cusanus-Gymnasium entzündet. Eine weitere Brücke in die Heimat führt ihn über den Heimatverein der Erkelenzer Lande, wo Günther Merkens, Theo Görtz und die vielen anderen kompetenten Mitarbeiter nach Czaplas Einschätzung "eine ganz erstaunliche Arbeit leisten, die ich durch Vorträge, Tagungen und der Mitgliedschaft im Verein gerne unterstütze". So war er 2012 Wissenschaftlicher Berater der Ausstellung »Mythos Raky« in Erkelenz und 2013 auf "Haus Hohenbusch" Co-Leiter der Tagung "Wissenstradition zwischen Handschrift und Wiegendruck. Das Kreuzherrenkloster Hohenbusch an der Wende vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit".

Quelle: RP
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