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Erkelenz
Tagebaulandschaft als Schatten ihrer selbst

Erkelenz: Tagebaulandschaft als Schatten ihrer selbst
Matthias Jung stellt seine Fotografien aus dem Rheinischen Revier seit gestern im Haus Spiess aus. FOTO: Jürgen Laaser
Erkelenz. Heimat als emotional aufgeladenes Gebiet, das weggebaggert wird - das zeigt Fotograf Matthias Jung in Erkelenz im Haus Spiess. Von Nicole Peters

Den Blick auf den Tagebau kennt Fotograf Matthias Jung seit mehr als zehn Jahren. 2004 war er mit seiner Ehefrau nach Erftstadt-Lechenich gezogen und sah von seinem Bürofenster im Dachgeschoss auf die riesige Abraumhalde des Tagebaus Hambach. Schön beleuchtete Maschinen und Kraftwerke prägten für ihn das Bild. Persönlich betroffen machte ihn erst das Gerücht, gleich hinter seinem Haus solle gebaggert werden.

"Plötzlich war das Thema ganz nah", erzählt er bei einem ausführlichen Rundgang im Haus Spiess vor der gestrigen Ausstellungseröffnung zum Thema "Revier", "es war 2010 für mich der Auslöser, mich fotografisch mit dem Thema Tagebau zu beschäftigen."

Aufnahmen sowohl aus dem Gebiet bei Hambach als auch aus den Erkelenzer Orten und Landschaften zeugen von intensiver Auseinandersetzung. Die erste Aufnahme eines Szenarios gab für ihn den Ausschlag, am späten Abend oder nachts loszuziehen. "Situationen ohne Tageslicht, mit punktueller Beleuchtung durch Scheinwerfer oder Laternen entsprechen am ehesten der Charakteristik der Landschaft, die nur noch ein Schatten von sich selbst ist", sagt er. Somit nutzte er im Folgenden diese Lichtquellen und zudem das Licht, das vom vollen Mond möglichst bei bedecktem Himmel ankommt. Mit Langzeitbelichtungen von bis zu zehn Minuten nutzt er diese relativ schwachen Quellen aus und bearbeitet die Aufnahmen im Rohdaten-Format bezüglich Kontrast und Helligkeit nach.

Eine dunkle Fläche aufgewühlten Mutterbodens in Erdfarben vor der Halde liegend, in der die riesigen Maschinen kühl angestrahlt zu Gange sind, prägt ein großformatiges Bild im Untergeschoss. "Wie mit einem Leichentuch bedeckt", so der Künstler, liegt eine Landfläche daneben. Das alte Kloster in Immerath bildet er in schmuckloser Einfachheit ebenso ab wie die Kirche in diesem Ort oder eine Gedenkgrotte an der Kirche in Borschemich. Eine Abriss-Chronologie erstellt er in Pesch mit drei Aufnahmen: Beschädigte Häuser, hinter denen wieder die bedrohlich nahen Bagger zu sehen sind, verschwinden schließlich. Plane Wiesen sind am Ende dafür bereit, weggerissen zu werden.

"Was mich gepackt hat, ist der Aspekt der Heimat", beschreibt Jung seine weiteren Beweggründe, sich der Thematik voraussichtlich bis Abbau-Ende fotografisch zu widmen. "Es wird nicht nur Erde weggebaggert, sondern emotional aufgeladenes Gebiet." Welche Wucht das Heimatgefühl haben kann, hat er oft in seiner eigenen Familie, die aus Schlesien hergekommen ist, erlebt. Bei seinen Touren versucht er immer, Kontakt zu den Leuten zu bekommen. Porträts etwa des Bürgerbeirats von Keyenberg oder der Rheinischen Kartoffelkönigin des vergangenen Jahres zeugen davon - für sie agierte er bei Tageslicht oder in beleuchteten Räumen.

Quelle: RP
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