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Erkelenz
Theaterstück über Leben am Abgrund

Erkelenz: Theaterstück über Leben am Abgrund
Leben und Beziehungen in der digitalen Welt: Die Mitglieder des Oberstufentheaters spielen "norway.today" im Cusanus-Gymnasium. FOTO: Jörg knappe
Erkelenz. Das Oberstufentheater des Cusanus-Gymnasiums machte aus dem Zwei-Personen-Stück "norway.today" ein packendes Ensemble-Theater. Von Philipp Schaffranek

Die Jugendlichen Juli und August lernen sich in einem Chat kennen. Juli, wohl behütet aufgewachsen, aber davon überzeugt, nicht mehr unter die Menschen zu passen, ist heiter, zickig, traurig, nachdenklich, dominant und zynisch. August, ein Internet-Nerd hat einen lustigen, spontanen, zurückhaltenden Charakter. Er kann verliebt, falsch und direkt sein. Im Internet tauschen die beiden sich aus und beschließen, Selbstmord zu begehen. Gemeinsam. Von einem Gletscher in Norwegen wollen sich die beiden in den Abgrund stürzen.

Das Oberstufentheater des Cusanus-Gymnasiums führte das Theaterstück "norway.today" von Igor Bauersima auf. Nicht ganz einfach, denn die tragische Komödie wurde ursprünglich für zwei Schauspieler geschrieben. Genau darin lag die Herausforderung, vor die Boris Mischnik und Verena Meinecke, die Lehrer, die das Oberstufentheater leiten, ihre zwölf Schüler stellten. Sie lösten das Problem mit viel Kreativität. Jeder übernahm einen Charakterzug von Juli oder August, so dass sie die beiden Protagonisten letztendlich durch je sechs Schauspieler verkörperten. Die inneren Auseinandersetzungen der beiden Figuren konnten sie so bestens darstellen.

Pünktlich zur Premiere passte dann auch das nicht ganz leichte Spiel zwischen den einzelnen Charakterzügen. Einzeln, auf ihre Handys starrend, betreten die Schauspieler die Bühne. Auf einer großen Leinwand wird der Chatverlauf gezeigt. "Ich werde und das ist keine plötzliche Entscheidung, bald Selbstmord begehen", schreibt Juli. Sie hat genug, eigentlich schon alles erlebt und zweifelt an der Realität. Auch August schreibt, er wolle seine Verbindung zum Leben abbrechen. "Gut! Ich nehme dich mit", schreibt Juli nach einigem Nachhaken.

In Norwegen angekommen, lernen sich Juli und August richtig kennen. Eigentlich ist alles geplant. Gemeinsam in die Tiefe springen. 600 Meter. Zehn Sekunden. Zehn Sekunden ohne Probleme. Oder doch nicht? Vor allem bei August kommen erste Zweifel auf. Der heitere Teil von Juli bemerkt: "Ich neige zum Glücklichsein." Der Selbstmord wird vertagt. Und in der Nacht erleben die beiden ein Polarlicht, etwas, das beide noch nicht erlebt haben.

"Warum tun wir das", fragt Juli einerseits. Die dominante Juli stellt hingegen fest: "Ich hab das noch nie getan, aber langsam wird es endlich Zeit." Unsicherheit tritt auf. Juli und August kommen sich näher, bemerken, dass sie sich mögen. In Gedanken durchleben sie eine durch die Schüler komisch dargestellte Liebesnacht. Sie versuchen, ein Abschiedsvideo zu drehen. Dabei Filmen sich die Schüler gegenseitig und das Bild wird auf die Leinwand über der Bühne geworfen. Das Problem der Jugendlichen wird dadurch sehr deutlich. Eigentlich hätten sie doch noch nicht alles erlebt. Es fällt ihnen schwer, den Selbstmord zu begründen.

"Mir ist kalt, können wir jetzt endlich gehen", fragt die depressive Juli abschließend. "Dann lass uns gehen", antworten alle Charakterzüge.

Das Stück ist vorbei und großer, verdienter Applaus setzt ein.

Quelle: RP
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