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Erkelenz
Tiefer Einblick in die Stadtgeschichte

Erkelenz: Tiefer Einblick in die Stadtgeschichte
Dr. Esther Betz gehörte gestern zu den ersten Leserinnen der von Professor Hiram Kümper und dem Heimatverein der Erkelenzer Lande herausgegebenen Baux-Chronik. Montag kommt diese für 25 Euro in die Geschäfte. Viele Sponsoren haben geholfen, diesen niedrigen Preis zu ermöglichen. FOTO: Laaser
Erkelenz. Professor Hiram Kümper und der Heimatverein der Erkelenzer Lande haben die für Erkelenz bedeutende Baux-Chronik herausgegeben und damit "Geschichte in die Gegenwart" geholt. Bisher schlummerte sie, sicher geschützt, im Archiv. Von Andreas Speen

Es ist der angekündigte tiefe Einblick in die Stadtgeschichte von Erkelenz - gestern wurde die zum ersten Mal vollständig transkribierte, übersetzte und kommentierte Stadtchronik von Mathias Baux veröffentlicht, der von 1541 bis 1568 Stadtschreiber und zeitweise Bürgermeister von Erkelenz war. Ihren besonderen Wert zieht diese Chronik daraus, dass Baux nicht nur seine Zeit, sondern auch vorangegangene Ereignisse festhielt, und dass dieses Werk bis in das späte 17. Jahrhundert hinein mit Notizen ergänzt worden ist. In dieser Chronik lernt Erkelenz viel über sich selbst, oder wie es Herausgeber Professor Hiram Kümper gestern formulierte: "1540 wurde bei einem verheerenden Stadtbrand vieles zerstört, das uns heute Aufschluss über die Stadtgeschichte hätte geben können. Baux hatte diese Geschichtsbelege vor dem Brand kennengelernt und einsehen können, so dass er uns deren Inhalt überliefern konnte."

"Es ist zu wissen, dass in dem Jahr unseres Herrn 1540 auf dem St. Albanstag, dem 21. Tag des Monats Juli, leider ein großes, unlöschbares und unüberwindliches Feuer in der Stadt Erkelenz ausgebrochen ist, wodurch beinahe die ganze Stadt in Flammen aufging und verbrannte ... Und als nun der Brand geschehen war, so haben sich die Städte Roermond und Venlo und dazu auch der Abt von Gladbach erbarmt und sich mit aller Freundschaft als gute, treue, hilfreiche Nachbarn und Freunde gegen die armen, ausgebrannten Bürger und Gemeinde, die nichts übrigen hatten, erzeigten, damit sie ihren Leib speisen und ernähren konnten." (Seiten 395 und 399)

Kaum zu verstehen wären diese Beschreibungen, hätten Professor Kümper, ein Team des Historischen Instituts der Universität Mannheim und der Heimatverein der Erkelenzer Lande diese nicht übersetzt.

"dairmit sy den leyff hant moegen spisen und erneren"

Zu Baux' Sprache erklärte Hiram Kümper: "Geschrieben hat er in Latein und einer Mischsprache aus Deutsch und Niederländisch, die sich nur als ,Alt Erkelenzisch' bezeichnen lässt." Baux war ein Meister darin, Geschehnisse in knappe Worte zu fassen. Kümper sprach vom "ausformulierten Notizbuch", während der grafische Gestalter des gestern veröffentlichten Doppelbandes, Willi Wortmann, von einer Herausforderung berichtete, die es war, den historischen Text mit der neuen Übersetzung gegenüberzustellen. Dass alle Hürden gemeistert wurden, bestätigten die ersten Leser gleich mehrfach. So hieß es von den Mitsponsoren Hans-Josef Mertens (Kreissparkasse), dass "ein tolles Werk zur Heimatgeschichte entstanden ist", und von Dr. Esther Betz (Anton-Betz-Stiftung der Rheinischen Post), "dass dieser sehr lebendige Verein" erneut einen "wesentlichen Beitrag zur Erforschung der Heimat" geleistet habe. Bürgermeister Peter Jansen sagte zu dieser wohl größten Veröffentlichung des Heimatvereins der Erkelenzer Lande und dessen Vorsitzenden Günther Merkens: "Es wurde ein sehr bedeutendes Werk für Erkelenz geschaffen, in dem Geschichte in die Gegenwart geholt worden ist."

Anschaulich vermitteln Baux und jene, die später Ergänzungen hinzufügten, Stadtgeschichte: Wochenmarkt war ab 1422 donnerstags, die beiden Windmühlen zu Erkelenz brachten jährlich 220 Malter Roggen und 87 Malter Malz ein, berichtet wird, wie St. Lambertus nach dem Stadtbrand wiederaufgebaut wurde (die RP berichtete) und dass 1558 zu deren Kirchenschatz unter vielen anderen Dingen 15 silberne Kelche, ein großes silbernes Kreuz und eine große goldene Monstranz gehörten, dass im September 1676 die Schweinekrankheit "Dissenterie, gewöhnlich Rotlauf genannt", ausbrach, dass zu Baux' Zeiten die Schöffen als Speisen eine Menüfolge aus beispielsweise Kapaun in gelber Sauce, Speck und Erbsen, frischem Rindfleisch mit gutem Senf und so weiter erhielten, bis es zum Abschluss Käse und gebratene Birnen gab. Vor allem hält Baux aber auch fest, wie Rat und Verwaltung funktionierten:

"Die Stadt Erkelenz soll zwei Bürgermeister haben, einen Oberen, den man den Stadtbürgermeister, und einen Unteren, den man den Landbürgermeister nennt; und dazu zehn geschworene Ratsmänner und sieben Schöffen ... Diese sollen, mit guten Sitten, Vernunft und Tugend begabt, die Entscheidung treffen, was dem gemeinen Nutzen am ehrlichsten und besten zugute käme." (Seite 359)

Gewählt wurde jährlich, und der Politik wurde von Baux geraten, dass "keine leichtfertigen, spöttischen, schimpflichen, hasserfüllten oder törichten Reden" geschwungen werden dürften.

Nicht nur seine unmittelbare Heimat hat der in Mennekrath geborene Baux betrachtet, sondern er stellte der Stadtchronik eine Zusammenfassung der geldrischen Geschichte voran, in die sich Erkelenz einfügte. "Dazu hat er verschiedene Chroniken zusammengestellt, darunter eine bedeutende aus Köln und eine, die nur noch einmal in Nimwegen erhalten ist", erklärte Hiram Kümper. Bildungs- und kulturgeschichtlich sei dieser Teil spannend, eine weitere Erforschung beider Teile sinnvoll und wünschenswert. Dass dies geschehen wird, stellte bereits am Erscheintag Georg Mölisch vom Landschaftsverband Rheinland, einem der Mitsponsoren, in Aussicht: "Ich bin froh, dass diese Chronik nun in den Wissenschaftsprozess eingeführt werden kann."

Quelle: RP
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