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Erkelenz
Verantwortung wird als Begriff überstrapaziert

Erkelenz: Verantwortung wird als Begriff überstrapaziert
Der Kieler Professor Dr. Ludger Heidbrink riet dazu, die Menschen wieder von der Verantwortung zu entlasten beziehungsweise von dem, was heute alles darunter zusammengefasst werde. FOTO: Jürgen Laaser
Erkelenz. "Wer trägt hier Verantwortung?" lautet der Titel der diesjährigen Sparkassengespräche. Zum Auftakt wurde es philosophisch. Von Philipp Schaffranek

Verantwortung kenne keine Grenzen, gibt der Volkswagenkonzern an. Wie viele große Unternehmen möchte Volkswagen Verantwortung übernehmen. Doch als Vorstandschef Martin Winterkorn zurücktrat, nachdem die Abgasaffäre aufgedeckt wurde, habe dessen Vorgehen gezeigt, welches Problem die moderne Gesellschaft mit Verantwortung hat. "Er übernimmt die Verantwortung, er trägt sie aber nicht", sagt Professor Dr. Ludger Heidbrink. So habe Winterkorn bei seinem Rücktritt erklärt: "Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin."

"Wer trägt hier Verantwortung?" lautet der Titel der Sparkassengespräche in diesem Jahr. Verantwortung habe heute eine große Bedeutung, sagte Thomas Pennartz, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Heinsberg. "Es ist ein Thema, bei dem man am Anfang vielleicht ein bisschen philosophisch sein muss." Diese Aufgabe übernahm Ludger Heidbrink.

Als Professor für Philosophie lehrt Heidbrink an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und forscht zum Thema Verantwortung. Zum Auftakt der aktuellen Sparkassengespräche führte er die Zuhörer philosophisch an das Thema heran und versuchte zu erklären, weshalb Verantwortung heute von vielen Menschen übernommen, aber nicht getragen werde. "Verantwortung ist ursprünglich, jemandem Rede und Antwort zu stehen", sagte Heidbrink. Damit ein Einzelner Verantwortung tragen kann, müsse Freiheit, Einfluss und Wissen vorausgesetzt sein. Doch in der komplexen modernen Gesellschaft werde Verantwortung auf Bereiche übertragen, die nicht zu greifen seien. Freiheit, Einfluss und Wissen über die Vorgänge, die verantwortet werden sollen, seien nicht mehr vorhanden: "Der Begriff stößt an seine Grenzen." Gleichzeitig übernähmen immer mehr Menschen Verantwortung. Es gebe eine "Explosion des Verantwortungsbegriffes".

Das sei eine "organisierte Unverantwortlichkeit", sagte Heidbrink. "Es wird immer mehr über Verantwortung geredet, um so weniger sie vorhanden ist." Auf diese Weise versucht die Gesellschaft, mit der Unklarheit umzugehen, dass Verantwortung in komplexen Gesellschaften oft nicht mehr zuzuordnen ist. Die Folge dieses Prozesses sei eine "Last der Verantwortung", die zu Burnout und Depressionen führe. Denn tatsächlich sei man immer weniger in der Lage, zu sagen, wann jemand verantwortlich ist. Statt Verantwortung dann im Ernstfall zu tragen, kommt es laut Heidbrink zum "Leugnen von Verantwortung". Bei Problemen werde auf unklare Zuständigkeiten verwiesen oder infrage gestellt, ob tatsächlich ein Schaden entstanden sei.

Heidbrink schlug deshalb vor, weniger nach Verantwortung zu suchen. Vielmehr sollte auf die Unverantwortlichkeit geschaut werden: "Wenn wir nicht mehr nach Verantwortung suchen, entlastet das auch." Ziel müsse es sein, Verantwortung wieder auf ein vertretbares Maß zu beschränken. Diese beschränkte Verantwortung, die unter anderem durch eine wertorientierte Ausbildung geschaffen werden könnte, müsste dann aber auch kontrolliert werden. Dann könne Verantwortung wieder getragen werden.

Quelle: RP
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