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Erkelenz
Von Kreisverkehren und zynischen Europäern

Erkelenz. Kabarettist Thomas Freitag gastierte mit der Vorpremiere zu seinem neuen Bühnenprogramm "Europa, der Kreisverkehr und ein Todesfall" in Erkelenz. Von Katrin Schelter

Was passiert in diesem Moment der Schwebe, zwischen dem Augenblick des Todes und dem, was danach kommt? Und vor allem, wie präsentiert sich dieser Augenblick für die Pessimisten, die Zyniker, die Wichtigtuer? Peter Rübenbauer, vermeintlich desillusionierter EU-Bürokrat, sitzt nach einem tödlichen Unfall an einer verlassenen Haltestelle und hat noch nicht komplett realisiert, dass sein Leben, so wie er es kennt, für ihn vorbei ist.

Als er allmählich die Situation zu verstehen beginnt, machen sich Wut und Indignation breit. Er allein ist für den Bau von mehr als 20.000 Kreisverkehren verantwortlich, und ohne ihn wäre das europäische Verkehrsnetz vermutlich immer noch steinzeitlich. Und jetzt soll er tot sein? Er beginnt, sich die wirklich großen Fragen zu stellen und begegnet auf seiner übersinnlichen Suche nach Antworten allerlei skurrilen Persönlichkeiten.

Peter Rübenbauer ist nur eine der vielen Figuren, die dem deutschlandweit bekannten Kabarettisten Thomas Freitag in seinem neuen Programm "Europa, der Kreisverkehr und ein Todesfall" als Sprachrohr dienen. Freitags aktuelle Kabarettshow - die am Wochenende in der Kabarettreihe der Kultur GmbH Vorpremiere in der Erkelenzer Stadthalle feierte - zeichnet sich durch viel Süffisanz, geschickt gestreute Humorfeuerwerke und intelligente Spitzen gegen die EU-Politik und das Weltgeschehen aus. Ständig sagt Rübenbauer: "Wir sind Zyniker, wir sehen von allem nur den Preis und von nichts den Wert."

Wie viel Zynismus in ihm selber steckt, offenbart sich in Rübenbauers Briefen an sein afrikanisches Patenkind, dem er voller Stolz auf sein selbstloses Handeln regelmäßig Briefe und ein wenig Geld schickt. Während das junge Mädchen ihre Situation und die Armut ihrer Familie schildert, klagt Rübenbauer nur von seinem eigenen Leid. Schließlich hat es Europas Bevölkerung auch ziemlich schwer. Außerdem hat er sich nichts vorzuwerfen - er kämpft entschlossen gegen Umweltprobleme und die Ausbeutung der Natur und fährt jeden Samstag 100 Kilometer mit seinem Geländewagen, um ökologisch nachhaltige Produkte beim Biobauern zu kaufen.

Auch seine Gefährten an der Haltestelle nimmt er nicht wirklich ernst. So lacht er nur über den "evangelischen Selbstmordattentäter" mit seinem "Sprengstoffgürtel" aus Birkenstock und zu diesem Zweck über Jahre ungewaschenen Stinkesocken, aus dessen Sicht das Streben nach Leistung die neue Religion ist und der sich königlich über die heutigen verdrehten Ideale amüsiert. Für Zeus, der empört über Griechenlands Urheberrechte an europäischen Kulturgütern wettert, und den niederländischen Herrn Drempel, der sich vehement für die Entschleunigung des Lebens einsetzt, hat Rübenbauer ebenfalls nicht viel Verständnis übrig. Als er nach einiger Zeit endlich Gott gegenübersteht und sich klare Antworten vom Schöpfer und Meister erhofft, muss er eine erschreckende Entdeckung machen - selbst Gott ist ein Zyniker!

Freitags herausragende schauspielerische und komödiantische Talente sorgten im Publikum immer wieder für lauten Beifall und Lachtränen. Sein scharfsinniger und satirischer Blick auf die "Überreste" von Europa machte ungemein viel Spaß und regte mit den ungemütlichen Wahrheiten, die immer unter den humoristischen Monologen zu spüren waren, stark zum Nachdenken an. Thomas Freitags Kabarett garantiert allen heimlichen Skeptikern und Zynikern einen wunderbaren Abend - so auch den rund 140 Zuschauern in Erkelenz, die Freitag mit begeistertem und tosendem Schlussapplaus verabschiedeten.

Quelle: RP
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