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Von Michael Küsgens

BRACHELEN Heimat ist für mich zuerst einmal da, wo die Familie ist, ist da, wo ich mich zu Hause fühle, wo Werte noch etwas zählen und auch "gelebt" werden: Vertrauen, gegenseitige Hilfe und Rücksichtnahme, Heimat ist das Gefühl, aus dem gleichen Holz geschnitzt zu sein, sie ist Gemeinschaft und sie ist da, wo ich aufgewachsen bin, sind gemeinsame Erinnerungen, der gleiche Humor, die Nachbarn und Leute, die ich und die mich schon ewig kennen, Freunde in der Nähe, offene Türen.

Heimat ist für mich aber auch: der Geruch von frisch gemähtem Gras im Sommer, der Morgennebel in den Benden, Teichbach, Rur, Baggerloch, Kappbusch, Evertz Maria, Brökeler Platt, Glockengeläut am Sonntag, der Samstag, wenn alle im Garten sind (inklusive Bundesliga live bei WDR 2), das gemeinsame Bier, "dr Zoch an Karnevalssonndaach", "jecke Vertell" . . . und sicherlich noch vieles mehr - Brachelen ist meine Heimat.

Heimat ist für mich auf jeden Fall mit Kindheitserinnerungen verbunden. Ich erinnere mich gut an die Karnevalstage als Kind in Brachelen. Das war in den 1970ern. Wir Jungs, dass heißt: mein Bruder, die Jungs aus der Nachbarschaft und ich, waren natürlich verkleidet. Meistens als Cowboy oder Indianer, manchmal als Pirat oder Mexikaner. Hauptsache, man war jemand, der "Waffen" tragen konnte. Da die Waffen aus dem Vorjahr meistens nicht mehr funktionierten, ging man alljährlich zu Evertz Maria, dem Schreib- und Spielwarenladen im Ort, um sich neu einzudecken. Die "Waffen" und die "Munition" lagen immer an der gleichen Stelle. Schon Wochen vor Karneval hatte man sich im Schaufenster eine ausgesucht. Entweder eine mit 8er oder 12er Schuss, Hauptsache, man konnte sie - heimlich in der Werkstatt - gut "durchbohren". Das war besonders wichtig.

Mindestens genau so wichtig, wenn nicht noch wichtiger, waren jedoch die Kracher, die wir dringend benötigten. Diese entschieden letztlich über Sieg oder Niederlage bei den geplanten Bandenspielen am Alten Rathaus, am Bahnhof oder in der "Baumannswiese". Chinaböller mussten es natürlich sein.

Das Problem war: Wir waren - lange - noch keine 18 Jahre, und Evertz Maria achtete peinlich genau darauf, dass wir Kinder keine Kracher bekamen. Verständlich, waren wir doch kaum größer als die Ladentheke.

Die Lösung: Nachdem wir mal wieder gescheitert waren, lungerten wir vor dem Laden so lange herum, bis wir einen Erwachsenen fanden, der uns die notwendigen Kracher besorgte. Dieses Ritual spielte sich jedes Jahr immer wieder gleich ab.

Heute gibt es den Laden mit Evertz Maria immer noch. "Waffen" und "Munition" liegen immer noch an der gleichen Stelle. Vielleicht spielt sich das gleiche Ritual - so oder ähnlich - auch heute immer noch ab.

Michael Küsgens ist Vorsitzender des Heimat- und Naturvereins Brachelen

Quelle: RP
 
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