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Erkelenz
Zahira

Erkelenz: Zahira
FOTO: Thinkstock
Erkelenz. "Ich wünsche mir vom Christkind ein Skateboard." "Und ich einen Legokasten!" "Puh, das ist doch gar nichts, ich bekomme das Lichtschwert von Star Wars." "Und ich Prinzessin Lillifee!" "Ich ein Handy!" "Das ist doch uncool, ein Tablet ist doch viel besser!" Von Rita Hündgen

Die Kinder in Frau Schneiders 4. Klasse in der Grundschule am Zehnthofweg in Erkelenz rufen alle durcheinander. Jeder will den anderen übertönen. Frau Schneider hat Mühe, die Rasselbande zur Ordnung zu rufen: "Schluss jetzt! Wir wollen doch mal sehen, wer der beste Rechner ist und nicht wer am meisten geschenkt bekommt!"

Nach dem Schulschluss geht Leon fröhlich vor sich hin pfeifend nach Hause. Er ist neun Jahre alt, hat blonde Haare, die ihm widerspenstig in die Stirn fallen, blaue Augen und auf der Nase ein paar Sommersprossen. Die mag er überhaupt nicht. Er überquert den Marktplatz mit der Lambertuskirche, lässt den Weihnachtsmarkt mit seinen Wohlgerüchen nach Pfeffernüssen und Lebkuchen rechts liegen und geht die Kölner Straße hoch. Bei einem großen Spielzeugwarengeschäft bleibt er stehen und betrachtet die Experimentierkästen. Dabei fällt ihm ein kleines Mädchen mit langen dunklen Locken auf, das seine Nase an der Scheibe platt drückt. Leon folgt ihrer Blickrichtung. Aha, die Babypuppe mit den Schlafaugen und dem Stoffkaninchen im Arm hat es ihr angetan. "Wünschst du dir die zu Weihnachten?", fragt er.

Das Mädchen wendet sich zu ihm hin und zuckt nur mit den Schultern. "Kannst du denn nicht sprechen?" Aufmunternd schaut er die Kleine an, die vielleicht sechs Jahre ist. "Zahira aus Syrien", das Mädchen zeigt auf sich. "Wo wohnst du denn?", fragt Leon bestürzt. Ehe das Mädchen antworten kann, kommt eine Frau auf sie zugestürzt, redet in einer Leon unbekannten Sprache auf die Kleine ein und zerrt sie weg. Leon kann gerade noch "Tschüss Zahira" rufen, als sie auch schon um die Ecke biegen und verschwunden sind.

Auf dem Nachhauseweg ist Leon sehr nachdenklich. Zum Mittagessen gibt es eins seiner Lieblingsessen, Pfannkuchen, aber die wollen ihm nicht so recht schmecken. Schließlich fragt er seine Mutter, wo denn die Flüchtlinge in Erkelenz wohnen. Die Mutter antwortet: "Viele wohnen in der Turnhalle am Berufskolleg."

In der Nacht träumt Leon von Legokästen, Star-Wars-Figuren, dem bunt geschmückten Weihnachtsbaum und Tellern, die vor Süßigkeiten und Plätzchen nur so überquellen. Am Morgen hat er eine Idee, die er sofort Frau Schneider erzählt. Die schaut ihn aufmerksam an und meint: "Schlag Du das doch deiner Klasse vor." Leon ist aufgeregt, als er das Klassenzimmer betritt und sich an seinen gewohnten Platz setzt. Frau Schneider sorgt für Ruhe: "Leon hat euch etwas zu sagen!" Dieser schaut verlegen vor sich hin und beginnt zunächst leise, dann immer lauter werdend: "Also, das war gestern so. Ich habe ein kleines syrisches Mädchen getroffen, ganz zufällig. Die schaute ganz sehnsüchtig in ein Schaufenster, ich glaube zu einer Puppe hin, das Mädchen ist aus Syrien mit ihren Eltern geflohen und sie leben in einer Turnhalle hier in Erkelenz. Bestimmt gibt es da noch mehr Kinder. Und die haben sicher nicht viel zum Spielen, und da habe ich mir gedacht, wenn wir alle nur auf ein Spielzeug verzichten zu Weihnachten und das zur Turnhalle bringen, dann freuen sich die Kinder bestimmt."

Leon verstummt. Die Klasse ist ganz still. Schließlich meldet sich Max: "Das sehe ich gar nicht ein, ich möchte meine Spielsachen für mich behalten!" Aus der ersten Reihe piepst Marie: "Aber das ist doch eine gute Idee von Leon. Und überhaupt, wenn Max nicht mitmachen möchte, können einige von uns trotzdem Spielsachen verschenken." Zustimmendes Gemurmel erhebt sich. "Also gut", Frau Schneider nimmt das Heft in die Hand. "Sprecht mit euren Eltern, ob ihr etwas von euren Geschenken verschenken dürft. In der nächsten Woche könnt ihr dann ein Spielzeug, vielleicht auch etwas zum Malen oder Süßigkeiten mitbringen, und ich erkundige mich, wann wir alles überreichen können."

Gesagt, getan. Und da kommt einiges zusammen, auch von Max: Zeichenpapier, Buntstifte, ein Farbkasten, Kuscheltiere, Legos, Rollschuhe, ein Fahrrad, sogar ein Skateboard und eine Babypuppe. Die Eltern spenden ihrerseits noch Schuhe, Winterjacken, Kleider und Hosen. Süßigkeiten fehlen auch nicht. So macht sich eine Abordnung der Klasse, angeführt von Leon, in Begleitung von Frau Schneider am letzten Schulnachmittag vor den Weihnachtsferien auf zur Turnhalle. Frau Schneiders Auto ist voll beladen.

Groß ist die Freude von Zahira und den anderen Kindern, die sogleich die Spielsachen mit ihren neuen Freunden ausprobieren. Aber noch größer ist die Freude bei Leon und seinen Begleitern. Marie bringt es auf den Punkt: "Das Schönste an Weihnachten ist doch, anderen eine Freude zu machen!"

Unsere Autorin Rita Hündgen, geboren und aufgewachsen in Rath-Anhoven, Abitur am Cusanus-Gymnasium Erkelenz, Studium von Mathematik, Geschichte und Sport in Aachen und Köln, seit 40 Jahren Lehrerin, seit 2007 Schulleiterin am Cusanus-Gymnasium. Verheiratet, zwei Töchter. Mitarbeit an Sachbüchern, Autorin von zwei kriminellen Kurzgeschichten. Rita Hündgen begann Kurzgeschichten zu schreiben als Ausgleich zur Schule.

Quelle: RP
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