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Erkelenz
Zwei Parteien, ein Dorf und dessen Zukunft

Erkelenz: Zwei Parteien, ein Dorf und dessen Zukunft
Rund um den Kirchturm von Holzweiler waren am Wochenende politische Diskussionen über die Zukunft des Ortes im Gange. Dazu eingeladen hatten die CDU am Freitagabend und die Grünen am Sonntagmorgen. FOTO: Speen
Erkelenz. Die CDU möchte das Wort "Wir" zum Leitwort für Holzweiler machen. Unter dem soll die Dorfzukunft geplant werden, sagte die Partei am Freitagabend. Die Grünen sprachen am Sonntag Bergbauschäden in Holzweiler an und wiesen auf einen Sanierungsstau im Ort und dessen Zukunftsplanung hin. Von Willi Spichartz

Knapp gerettet, aber alles weiterlaufen lassen wie bisher, dagegen will man etwas tun in Holzweiler. Das "Wir" solle das Leitwort für die Zukunft des 1400-Einwohner-Dorfs werden, das vorigen Sommer endgültig aus dem Braunkohleabbaufeld Garzweiler II herausgenommen worden ist. Dieses "Wir" wurde bei einem öffentlichen "Ideenspeicher zur Dorfentwicklung" formuliert, zu dem die örtliche CDU für Freitag ins Gasthaus Krummen eingeladen hatte, und mit einigen konkreten Ansätzen versehen, unter anderen der Ausweisung eines Wohnbebauungsplans für den Bereich Ortskern-Friedhof.

Elf Interessenten hatten sich eingefunden, vom CDU-Ortsvorsitzenden und Stadtratsmitglied Dominik Büschgens mit der Bitte begrüßt, Ideen auch anhand eines "Muttizettels" zu benennen, den seine Partei für Holzweiler entwickelt habe. "Muttizettel" ist im Neusprech ein Schreiben, mit dem ein Erziehungsberechtigter eine andere Person mit der Aufsicht über ein Kind beauftragen kann. Die CDU wollte also beauftragt werden, ihre formulierten Vorstellungen auf dem Zettel wie "Nahversorgung und Infrastruktur herstellen", "Neubaugebiete erschließen", "Gewerbegebiet für Kleinbetriebe" und "Fußweg zum Sportplatz herstellen" umzusetzen.

Angesichts der Entwicklung, die bis vor etwa drei Jahren auf die Zerstörung des Dorfs durch die Braunkohle orientiert war, müsse das soziale Leben nun verstärkt aufgebaut werden, legte Torsten Moll von der katholischen Pfarre und der Initiative "Perspektive für Holzweiler" vor, vor allem über die Vereine, alte und neue ins Leben zu rufende, müsse das "Wir" zur allgemeinen Formel für Holzweiler werden.

Die Neu-Entwicklung Holzweilers werde Jahrzehnte dauern, war man sich sicher, demgemäß müsste jetzt schon die Generation um die 40 eingebunden werden, um Nachhaltigkeit zu erzielen. Sei die Versorgungssituation in Orten der Größe Holzweilers überall schlecht, treffe die Tagebaurandlage das alte Seilerdorf besonders. Dabei gäbe es jetzt schon keinerlei Geschäft mehr, neue zu gewinnen, so einige Beiträge, sei mehr als schwierig. Neue genossenschaftlich organisierte Dorfläden könnten Vorbild sein. Eine Wiederbelebung könne mit einem Baugebiet für jüngere Menschen zwischen dem Ortskern und Friedhof gelingen, das solle als erster praktischer Ansatz angepackt werden, hieß die Empfehlung an die Politik.

Ganz praktisch will man nun über den "Muttizettel"-Fragebogen, zu richten an die örtliche CDU, dort auch erhältlich, zu einem neuen, politisch neutralen Treffen bitten. Alle Vereine und Gruppen sollen eingeladen werden. Auch ist Holzweiler bald wie Venrath/Kaulhausen bei der städtisch begleiteten Dorfentwicklung an der Reihe.

Bei den Grünen ging es um Bergbauschäden und Sanierungsstau in Holzweiler

"Frühlingserwachen" - zunächst mal für die Alte Schule. Dieses Dorfgemeinschaftshaus in Holzweiler war gestern Ort der seit Jahren vom Stadtverband Erkelenz der Grünen organisierten Veranstaltung "Frühlingserwachen", gleichzeitig für deren Sprecher und Landtagskandidaten Hans Josef Dederichs die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass in Holzweiler ein Investitionsstau bestehe. Die Alte Schule sei erkennbar sanierungsbedürftig.

Das Thema Bergbaufolgen und Umsiedlung zog sich durch die gesamte Veranstaltung, die gleich nach der Eröffnung durch die Kreistagsabgeordnete Maria Meurer vom Bergheimer Bergschadens-Sachverständigen Peter Immekus auf eine Exkursion zum Seil-Produktionsbetrieb Brandenburg geführt wurde, um dort eklatante Gebäude-Verschiebungen zu bestaunen, die vom Bergbauunternehmen RWE als solche bisher nicht anerkannt seien. Erst auf massiven politischen Druck habe sich RWE, so Immekus, bereiterklärt, Messpunkte bei Brandenburg anzusetzen, zumindest das Wohnhaus sei ein "Totalschaden", der Betrieb, in dem 15 Beschäftigte arbeiten, sei nicht so stark betroffen. Dennoch gebe es für Brandenburg, wie auch andere, keine Planungssicherheit nach der Herausnahme Holzweilers aus dem Abbaubereich.

Dederichs und der Grünen-Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer aus Düren gingen auch auf die direkte Situation Holzweilers ein, für das ein Entwicklungsprogramm eingestielt sei bei der Stadt Erkelenz, das nach dem in Venrath/Kaulhausen auch umgesetzt werde. Die Ideen dazu, sagte Dederichs auf Nachfrage, müssten aus dem Ort selbst kommen. Das über Wissenschaftler entwickelte und begleitete Verfahren nehme die Menschen mit.

Sowohl Dederichs als auch Krischer werteten die Herausnahme Holzweilers, Dackweilers und des Hauerhofs als Erfolg einer Politik, die man mit der rot-grünen Koalition 1995 eingeleitet habe. Für Oliver Krischer ist der Umstand absolut nicht nachvollziehbar, dass bei Steinkohle und neuestens auch beim Gas-Fracking der Bergbaubetreiber nachweisen müsse, dass Gebäudeschäden nicht durch seinen Betrieb entstanden sind, bei der Braunkohle müsse dem Unternehmen dessen Schadensverursachung nachgewiesen werden. Die Braunkohlezeit sei allerdings vorbei, heute gehe es darum, die Folge- und Ewigkeitskosten über RWE zu sichern. Das Unternehmen verdiene überhaupt kein Geld mehr mit Kohlekraftwerken, da sei zu fragen, wie lange das Unternehmen überhaupt noch existiere und wer danach die Folgekosten trage, vermutlich die Steuerzahler. Es müsse ein Kohleausstiegsprogramm her wie bei der Steinkohle und der Atomkraft.

Quelle: RP
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