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Erkelenz
Zwei Stunden Zeit verschenken

Erkelenz. Evangelische Gemeinde bildet neue Seniorenbegleiter aus. Von positiven Erfahrungen berichtet das älteste Gemeindemitglied. Von Andreas Speen

Die wöchentlichen Treffen bedeuten ihr viel, sagt Gerda Gabriel. Mit ihren 97 Jahren ist sie das älteste Mitglied der evangelischen Kirchengemeinde in Erkelenz. Seit ihr Mann verstorben ist, lebt sie allein. Als Gabriel vor eineinhalb Jahren bei der Seniorenadventfeier der Gemeinde hörte, dass diese ehrenamtliche Seniorenbegleiter ausgebildet hat, bat sie um einen Besuch. Rosemarie Kapp ist es, die Gabriel seither jeden Montag für zwei Stunden besucht. "Vom ersten Moment an hatten wir einen guten Kontakt", sagt Gerda Gabriel.

Die evangelische Kirchengemeinde bildet ab September neue ehrenamtliche Seniorenbegleiter aus. An acht Abenden werden Themen wie "Die Kunst des annehmenden Gesprächs", "Menschen mit Demenz besser verstehen" und "Auch Neinsagen will gelernt sein" besprochen. Zum Abschluss erhält jeder Seniorenbegleiter in einem Gottesdienst ein Zertifikat und wird bei der Seniorenadventfeier im Dezember den Gästen vorgestellt. "An der ersten Schulungsrunde im Jahr 2014 nahmen neun Personen teil, von denen fünf weiterhin im Einsatz sind", berichtet Heidi Breidt von der Gemeindediakonie. Ein Mann sei verzogen, drei weitere ehrenamtliche Seniorenbegleiter würden diese Tätigkeit momentan ruhen lassen, da sie Menschen im familiären Umfeld zu betreuen haben. Es sei somit notwendig, neue Seniorenbegleiter zu gewinnen.

Seniorenbegleiter sollten einmal pro Woche etwa zwei Stunden Zeit zu verschenken haben. Nicht mehr. Dafür aber am Besten regelmäßig. Heidi Breidt ist wichtig, das zu betonen. Schließlich sollen die Ehrenamtlichen nicht Familie oder Pflegekräfte ersetzen. Rosemarie Kapp nutzt diese Zeit bei Gerda Gabriel zum Beispiel dazu, um mit ihr "über Gott und die Welt" zu sprechen. Die 97-Jährige sieht diese Besuche als Bereicherung ihres Alltags an: "Ich mache meinen Haushalt heute noch allein, mir hilft eine Frau beim Putzen, viele Freunde und Bekannte sind nicht mehr da, und ich komme nicht mehr so einfach vor die Tür." Wäre Rosemarie Kapp, die selbst 75 Jahre ist, jemanden zugeteilt worden, "bei dem die Chemie nicht gestimmt hätte, hätte ich das nicht gemacht". So kam es glücklicherweise nicht, was auch Gerda Gabriel betont: "Vom ersten Moment an hatten wir einen guten Kontakt, weshalb es für mich auch nie befremdlich gewesen war, jemanden Unbekannten ins Haus zu lassen."

Senior und Seniorenbegleiter treffen nicht unvorbereitet aufeinander. Heidi Breidt hat den Erstkontakt zu den älteren Gemeindemitgliedern: "Ich möchte von ihnen hören, wie der jeweilige Seniorenbegleiter sein sollte. Später ist es wichtig, dass beide diese Treffen möchten." Unbegleitet bleiben die Ehrenamtler ebenfalls nicht. In monatlichen Treffen tauschen sie sich über Erfahrungen aus und sprechen Probleme an. "Anonym - der Kreis ist zur Verschwiegenheit verpflichtet", sagt Breidt, die hofft, dort bald neue Mitglieder begrüßen zu dürfen.

Quelle: RP
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