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Erkrath
60 Jahre lang warten, warten, warten

Erkrath: 60 Jahre lang warten, warten, warten
Hildegard Wille und Herbert Bander trafen sich gestern noch einmal an ungefähr der Stelle, wo sie vor fast 60 Jahren am Bahnübergang unwissentlich fotografiert wurden. FOTO: Achim Blazy
Erkrath. Die Geschichte des Bahnübergangs in Hochdahl hat das Leben von Hildegard Wille und Herbert Bander begleitet. Von Marita Jüngst

Die Schranke am Hochdahler Bahnhof an der Hildener Straße begleitete die Bewohner des Stadtteils fast ein ganzes Leben lang. Bis vor wenigen Tagen: Da wurde sie nach Abschluss der Arbeiten am ehemaligen Bahnübergang abgebaut. Nun geht's für Fußgänger nur noch durch den Tunnel, der nun auch für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen passierbar ist. Die Autos dagegen fahren hier schon lange nicht mehr.

Doch Jahrzehnte lang haben sich am Bahnübergang Fußgänger die Beine in den Bauch gestanden, wurden Autofahrer auf harte Geduldsproben gestellt. Schon vor fast 60 Jahren waren die langen Wartezeiten ein Thema für die Rheinische Post. Und natürlich wurde das Ärgernis auch im Foto festgehalten. Darauf zusehen war ein Pärchen, das vor der wieder einmal geschlossenen Schranke auf den vorbeifahrenenden Zug wartete. Bei den beiden handelte es sich um Herbert Bander und Hildegard Mock. Die beiden waren auf dem Weg zur Tanzstunde in Düsseldorf und wurden, ohne es zu wissen, von hinten abgelichtet. Die beiden wohnten damals in Trills, waren Nachbarn und kannten sich von Kindesbeinen an. "Ich gehörte quasi zur Familie", sagt Hildegard, die aber längst nicht mehr Mock, sondern Wille heißt. Den Kontakt zu ihrem einstigen Tanzpartner hat sie dennoch nicht verloren. Schließlich leben beide immer noch in Trills. Und so war es für beide selbstverständlich fast 60 Jahre nach dem Erscheinen des Fotos vor dem Bahnübergang - am 3.3.1956 - gemeinsam zum Ort des gefühlt ewigen Wartens zurückzukehren. Das Erste was beide jedoch gestern feststellten: "Die Schranke ist weg". Mit jenem rot-weißen Sperrbalken verbinden die beiden viele Erinnerungen. Herbert Bander erzählt: "Es dauerte damals - 11 Jahre nach dem Krieg - oft eine Ewigkeit, bis die Schranke nach dem Herablassen wieder geöffnet wurde. Grund war unter anderem die Vorschrift für den Bahnverkehr, dass die Schranke beispielsweise zu schließen war, wenn sich ein Zug am Bahnhof Erkrath die Steilstrecke hinauf (Richtung Wuppertal) in Bewegung setzte. Und ein Güterzug brauchte 13 Minuten (!), bis er in Hochdahl ankam."

Damals wurden zudem häufig Schiebe- und auch Vorspannloks zur Unterstützung eingesetzt. Und die passierten dann auch noch alleine oder zu zweit den Bahnübergang, um wieder in die Spur zurück nach Erkrath zu finden. "Die 'Glück auf Schranke' hatte zu Recht ihren Namen, weil man nämlich Glück hatte, wenn sie auf war", sagt Herbert Bander. Auch Hildegard Wille kann Geschichten von der Schranke erzählen. Sechs Jahre lang nämlich muste sie jeden Tag mit dem Zug nach Düsseldorf fahren. "Jeden Morgen bin ich gerannt, um noch über den Bahnübergang zu kommen", sagt sie. Herbert Bander hatte zudem ein ausgeklügeltes System. Wenn ich zehn Minuten vor Abfahrt des Zuges von zu Hause losgegangen bin, hat es mit der Schranke noch geklappt." Und wenn die Zeit doch mal zu knapp und die Schranke bereits unten war, hat er sich auch schon mal darüber geschwungen. Kann man ja jetzt - 60 Jahre später - mal erzählen. Hildegard Wille jedoch hätte sich das auch nicht unter ihrem Mädchennamen nie getraut. Jetzt ist es also mit dem Warten endgültig vorbei. Die Schranke ist eingepackt und damit auch ihre Geschichte beendet.

Quelle: RP
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