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Postskriptum
Helfer werden im Internet angepöbelt

Postskriptum: Helfer werden im Internet angepöbelt
Alle geplanten Veranstaltungen sind abgesagt. Die Stadt sah keine andere Möglichkeit, als die Flüchtlinge im Bürgerhaus unterzubringen. FOTO: Janicki, Dietrich (jd-)
Meinung | Mettmann. In Erkrath sind 150 Flüchtlinge im Bürgerhaus Hochdahl untergebracht. Einige Mitbürger reden sich im Internet die Köpfe heiß. Höchste Zeit, um ein paar Sachen klar zu stellen. Von Oliver Wiegand

Deutschland nimmt derzeit eine Rekordzahl von Flüchtlingen auf. Bis zu 800 000 sollen es dieses Jahr werden - klar, dass einige auch auf Erkrath verteilt werden. Etwas mehr als 350 hatten wir schon, in der vergangenen Woche sind 150 Flüchtlinge hinzugekommen. Die Bezirksregierung hat nicht lange gefackelt und der Stadt nur 48 Stunden Zeit gegeben, um für eine Unterkunft zu sorgen.

Die Wahl fiel auf das Bürgerhaus Hochdahl, weil es dort verschiedene Räumlichkeiten und viel mehr Toiletten gibt, als in Turnhallen. Das ist in Ordnung. Viele Helfer haben seitdem hervorragende Arbeit geleistet und von Spielzeug, Windeln, Bettdecken, Kleidung alles organisiert, was möglich war. Es ist wirklich ein Ruck durch die Stadt gegangen, Bürger opfern ihre Freizeit, setzen sich für fremde Menschen ein, um ihnen die Zeit bei uns in Erkrath so erträglich wie möglich zu machen. Das ist einmalig und zeigt, wie die Bürger einer Stadt zusammen halten in der Krise.

Doch es gibt Mitbürger, die finden das nicht so toll und erzählen das offen in Internet-Foren, die sich hauptsächlich mit Erkrath beschäftigen. Sie ärgern sich, weil sie einen Flüchtling gesehen haben, der mit einem iPhone 6 oder einem Samsung Galaxy S6 über den Hochdahler Markt gelaufen ist. Die denken sich, wie kann so ein Flüchtling mit einem 700-Euro Handy da lang spazieren und nebenbei noch die Hand aufhalten und vom deutschen Staat irgendwelche Leistungen in Anspruch nehmen. Gleichzeitig werden aber auch die freiwilligen Helfer aufs Übelste angepöbelt.

Tendenz: Die Helfer würden sich gegenseitig überbieten beim Helfen, um allen Leuten zu zeigen, was für tolle Menschen sie sind. Helfer werden als "Prestigeengel" betitelt, die das nur tun, um viele "Gefällt mir" zu erhalten. Wenn ich so etwas lese, überkommt mich ein Brechreiz. Es ist dermaßen armselig und kleingeistig, dass man es eigentlich ignorieren sollte. Doch einfach ignorieren wäre der falsche Weg. Weil ich glaube, dass es doch viel mehr Leute und nicht nur in Erkrath gibt, die genau das Gleiche denken. Nur offen zugeben, das trauen sich die wenigsten. Nehmen wir das Beispiel teures Handy. Leute, die sowas schreiben, können sich gar nicht vorstellen, dass Flüchtlinge in ihren Herkunftsländern einen guten Job hatten und ihr eigenes Geld verdient haben. Es sind zum Teil Ärzte oder Ingenieure, die vielleicht sogar ein Haus mit Pool und mehrere Autos hatten. Durften die sich von ihrem eigenen selbst verdienten Geld kein iPhone kaufen und es auf ihrer Flucht mitbringen? Sollen die Flüchtlinge jetzt vom Sicherheitsdienst im Bürgerhaus dazu gezwungen werden, ihr Handy zu verticken und vom Erlös Lebensmittel zu kaufen?

Die Geschichte mit dem Handy ist aber noch harmlos. Manche Erkrather glauben laut ihren unter vollem Namen veröffentlichten Kommentaren, dass von den Flüchtlingen eine Gefahr ausgeht und die Kriminalitätsrate in Hochdahl ansteigen wird. Frauen und Kinder seien jetzt nicht mehr sicher, weil es verstärkt Überfälle geben wird. Das hat noch eine andere "Qualität", das ist ganz offen fremdenfeindlich. Ich bin mir sicher: In den nächsten Wochen wird nicht mehr und nicht weniger passieren, als sonst auch.

Quelle: RP
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