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Erkrath
Inklusion ist ein hartes Stück Arbeit

Erkrath: Inklusion ist ein hartes Stück Arbeit
Wörter, die mit einem "V" beginnen, sollen nach ihrem Klang unter "Vase" oder "Vogel" eingeordnet werden. Manche der Schüler brauchen dabei Unterstützung. FOTO: ralph matzerath
Erkrath. Ein Drittel der Erstklässler der Grundschule Willbeck braucht die erhöhte Aufmerksamkeit der Lehrer. Von Isabel Klaas

In der Klasse 1a der inklusiven Grundschule Willbeck steckt Leben drin. 26 Mädchen und Jungen haben Deutsch bei Klassenlehrerin Ana Pollheim und Sonderpädagogin Stefanie Grethe. Da bedarf es schon einiger Tricks, die Sechsjährigen 45 Minuten lang bei der Stange zu halten. Klangschalen, Glocken, lerngymnastische Übungen, Entspannungsspiele und Unterrichtspassagen im Flüsterton halten die Kinder davon ab, abzuschalten. Für Einzelne werden so genannte Verstärkungspläne aufgestellt, die sie selbst mit ihren Lehrern kontrollieren: ob sie am Platz sitzen bleiben oder sich oft genug melden. Für einen Pädagogen allein ist diese Aufgabe kaum zu bewältigen.

An diesem Morgen lernen die Mädchen und Jungen, dass das "V" einmal hart und einmal weich ausgesprochen wird. Das interessiert nicht alle in der Klasse brennend. Der eine vertieft sich in sein Federmäppchen, der andere wühlt in seinem Tornister, wieder eine andere räkelt sich auf dem Schultisch. Ein weiterer unterhält sich angeregt mit seinem Nachbarn. "Sitz' gerade! Sei leise! Schau' nach vorn!" - Stefanie Grete und Ana Pollheim haben alle Kinder jederzeit im Blick und fordern sie immer wieder auf, dem Unterricht zu folgen.

So mancher Schüler braucht die Aufforderung, sich zu konzentrieren. FOTO: Matzerath, Ralph (rm-)

"Es sind nicht die auffälligen Inklusionskinder im Rolli oder die, die schlecht hören oder sehen, die problematisch sind. Es sind die, deren Defizite erst während des ersten Schuljahrs offensichtlich werden", sagt Schulleiterin Barbara Arts. "Es sind die Kinder, die Schwächen beim Sprechen und Lernen haben, im sozialen oder emotionalen Bereich Defizite aufweisen, die motorisch unruhig sind, ständig Zuspruch oder individuelle Hilfe brauchen." Und das ist in den ersten Klassen ungefähr ein Drittel der Schüler. "Manchmal", sagt Arts, "sind die Kinder aber auch nur zu locker erzogen und kennen keine Grenzen."

Sechs Stunden steht die Sonderpädagogin Stefanie Grethe Ana Pollheim pro Woche in ihrer ersten Klasse zur Seite. "Eigentlich müssten es zehn Stunden sein", sind sich die Lehrerin und die Sonderpädagogin einig. Besonders die Hauptfächer Mathe und Deutsch müssten zu zweit unterrichtet werden, um allen Kindern gerecht zu werden. Denen, mit besonderem Förderbedarf, aber auch den Starken, die alles schnell erfassen und gefordert sein wollen.

Was viele nicht wissen: In der inklusiven Grundschule wird zieldifferent und zielgleich unterrichtet. Das heißt: Die Kinder bekommen je nach Begabung und Lernfähigkeit unterschiedliche Aufgaben gestellt - dem normalen Pensum angepasst oder einfacher. Sie haben teilweise sogar unterschiedliche Schreibhefte. Wer seine Buchstaben noch nicht auf der Linie platzieren kann, bekommt ein Heft mit spezieller Orientierung.

Sehr viele der Kleinen sitzen an diesem Morgen ratlos vor der Aufgabe, eigenständig Worte, die mit einem "V" beginnen, nach ihrem Klang unter "Vase" oder "Vogel" zu ordnen. Zwei Drittel brauchen die individuelle Anleitung der Lehrerin. "Um ein richtiges Schulkind zu werden, das sich selbstständig durch Matheaufgaben und Lesebücher kämpft, müssen die meisten Erstklässler erst einmal ganz viel lernen", sagt Arts. Dafür verantwortlich sind ihre Lehrer.

Die Grundschule Willbeck ist seit 16 Jahren im gemeinsamen Unterrichten von Kindern mit verschiedenen Begabungen geübt. Das merkt man. Im vierten Schuljahr haben sich die meisten Inklusionskinder angepasst. Viele haben sogar komplett aufgeholt. Sie können still sein, sich konzentrieren, Antworten auf Fragen der Lehrer geben. Klassenlehrerin Birgit Gülke spricht in der 4a mit ihnen über Gewichtseinheiten, sehr anschaulich, mit sehr viel Gelassenheit und Humor. Das kommt gut an bei den Schülern.

Von den Kindern, die nach den Sommerferien frisch eingeschult werden, kennen die Lehrer lediglich die Ergebnisse der Einschulungstests. Sie wissen nicht, wie viel Kinder tatsächlich so genannte Inklusionskinder sind und der höheren Unterstützung bedürfen.

In den ersten drei Schuljahren arbeiten Lehrer und Pädagogen präventiv, sagt Arts, um zu verhindern, dass Schüler zurückbleiben oder einfach durch die Schulzeit geschleust werden, ohne etwas zu lernen, wie es früher oft der Fall war. Nach drei Jahren wird das erste offizielle Gutachten erstellt, mit dem die Weichen für das Lernen in den weiteren beiden Jahren gestellt werden, entweder in der Grundschule oder - wenn die Eltern es so wollen - für den möglichen Wechsel auf eine Förderschule.

Quelle: RP
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