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Erkrath
Unkonventioneller Pastor mit Fernweh

Erkrath: Unkonventioneller Pastor mit Fernweh
Martin Scharnowski plaudert in der gemütlich eingerichteten Longe der Treffpunkt Leben-Gemeinde über seine Arbeit und sich selbst. FOTO: D. Janicki
Erkrath. Martin Scharnowski kam 1991 zur Treffpunkt Leben-Gemeinde. 40 Mitglieder gehörten damals dazu. Heute sind es bis zu 600, die jeden Sonntag zum Gottesdienst im Gemeindezentrum kommen. Von Sabine Maguire

Eines kommt einem bei jemandem wie Martin Scharnowski sofort in den Sinn: Er ist ein wunderbarer Gesprächspartner. Man kann mit ihm plaudern, über dieses und jenes. Gott kommt selten vor im Gespräch - nur dann, wenn man ihn als Pastor danach fragt. Stattdessen gelangt man schnell dorthin, wo im Leben der Schuh drückt. Und ebenso schnell ertappt man sich als Gegenüber bei dem Gefühl, dass man seinen Rat gern hören würde. Aber darum geht es gerade nicht und deshalb bleiben wir miteinander bei der Sache: Also bei ihm selbst.

Unkonventionell. Das ist der erste Eindruck, der sich aufdrängt, wenn man über das Vierteljahrhundert spricht, das Scharnowski nun schon als Pastor bei der Treffpunkt Leben-Gemeinde ist. Wäre er dafür nicht zu jung, könnte der 56-Jährige gut als einer aus der 68er-Generation durchgehen. Als er damals zur Gemeinde kam, gab es dort gerade einmal 40 Mitglieder. In der Narzissenstraße gegründet, hatte sich die Gruppe als Kellerkirche einen Namen gemacht. "Es war eine geistige Patchworkfamilie", erinnert sich Scharnowski an die Anfänge. Er war mit Frau und vier Kindern nach Erkrath gekommen, es sollte erstmal nur für zwei Jahre sein.

"Wir als Familie brauchten Mut für diesen Schritt, aber die Gemeinde natürlich auch", sagt er im Rückblick. Denn bis dahin war es dort eher familiär zugegangen. Die Kinderstunden fanden in der Wohnung des damaligen Gemeindeleiters statt und dann kam Martin Scharnowski 1991 mit seiner Familie - und blieb. Mittlerweile sind es bis zu 600 Besucher, die jeden Sonntag zum Gottesdienst im Gemeindezentrum in der Heinrich-Hertz-Straße pilgern. In Zeiten, in denen sich viele Menschen vom Glauben abwenden, scheint dort eine Gemeinde gegen den Trend zu gehen. Und mittendrin ein Pastor, der zu seinem Verhältnis zu ebendieser Gemeinde sagt: "Es passt einfach".

Dabei war der Weg dorthin eher ungewöhnlich: Als gelernter Orthopädietechniker wollte sich Martin Scharnowski eigentlich in der Entwicklungshilfe nützlich machen und studierte später doch noch Theologie. Es folgten einige Jahre, in denen er als Jugendreferent durch Europa reiste, bis schließlich der Ruf nach Erkrath kam. Hier hat er seither viel bewegt, die Gemeinde hat mittlerweile beinahe 340 Mitglieder. Von einem Acht-Stunden-Büroalltag kann keine Rede sein. "Ich habe manchmal 12 bis 14 Stunden zu tun", gibt der Pastor einen Einblick in seinen Alltag, in dem er sich auch immer wieder selbst daran erinnern muss, dass Grenzen wichtig sind. "Ich weiß, dass ich Gefahr laufe auszubrennen. Ich wäre nicht der erste Pastor, der zusammenklappt", gestand er schon vor Jahren offen ein.

Als es dann tatsächlich so kommen sollte - die Gemeinde hatte damals gerade die neue Immobilie in der Heinrich-Hertz-Straße erworben - ging er nicht weniger offen mit seinem Burnout um. Körper und Seele hatten ihn zur Auszeit gedrängt und er nahm sie sich, um später zu sagen: "Ich brauchte das Gefühl, das niemand etwas von mir erwartet. Kein Buch schreiben, keine Pläne machen: Ich wollte einfach Zeit für mich."

Bis heute ist er dankbar dafür, dass die Gemeinde seinen Weg damals mitgegangen ist. Mittlerweile arbeitet er im Team mit anderen Pastoren. Und er hat eine Sekretärin, die seine Termine koordiniert. Denn eines gehört zum Leben eines jeden Seelsorgers: Es ist ein ständiger Wechsel von Herausforderungen, oft auch inmitten existenzieller Wendepunkte. Und all das kostet Kraft. "Zunehmende Beziehungslosigkeit und Vereinsamung sind ein Problem. Es gibt auch immer mehr Menschen, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen, weil alles komplexer geworden ist", weiß Martin Scharnowski. Um zwischendurch auch mal abzuschalten, fährt der Pastor übrigens Motorrad. Und gelegentlich schaut sich der bekennende Schalke-Fan ein Spiel seiner Mannschaft in der Veltins Arena an.

Daran, vielleicht noch mal irgendwo neu anzufangen, hat Martin Scharnowski auch schon gedacht. Die Frage ist beantwortet: Er wird es nicht tun. Zumindest nicht in naher Zukunft. Aber vielleicht, irgendwann, würde er doch gern wieder in den Reisedienst wechseln. Auch wenn er keineswegs das Gefühl hat, in seinen Predigten schon alles gesagt zu haben. "Ich bin ein Freund von Wiederholungen", fügt er hinzu. Allerdings sei es eben doch etwas anderes, als Seelsorger unterwegs zu sein. "Man gibt Tipps, wie das Weiterleben besser gelingen kann und reist wieder ab", findet er humorvolle Worte für eine Sehnsucht, die sich wohl am ehesten mit Fernweh umschreiben ließe.

Quelle: RP
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