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Straelen
Auf der Suche nach guten Geschichten

Straelen: Auf der Suche nach guten Geschichten
Claudia Isa Baricco genießt es, sich im EÜK zurückziehen zu können, um zu arbeiten. Die schöne Atmosphäre genoss sie bereits im Jahr 2009. FOTO: Seybert
Straelen. Claudia Isa Baricco ist neuer "Translator in Residence". Drei Monate arbeitet sie im Europäischen Übersetzerkollegium in Straelen. Von Bianca Mokwa

Ein Buch zur Hand nehmen und einfach nur lesen, dazu wird Claudia Isa Baricco in den kommenden drei Monaten kaum Zeit haben. Sie ist neuer Translator in Residence im Europäischen Übersetzerkollegium (EÜK) in Straelen. "Es ist wirklich ein Ort, an dem man sehr gut arbeiten kann", sagt die gebürtige Argentinierin. Sie mag es, sich zurückziehen zu können, aber auch das Zusammentreffen mit ihren Übersetzerkollegen und die Bibliothek, die sich durch das Haus schlängelt.

Voller Tatendrang widmet sich Claudia Isa Baricco der Übersetzung eines ihrer Lieblingsautoren: Lukas Bärfuss, ein schweitzer Autor. "Sehr lustig, sehr klug", sagt sie über das Theaterstück "Der Bus". Bärfuss gehe es immer um einen satirischen Blick auf die Gesellschaft. In "Der Bus" beginnt die Geschichte mit einer jungen Frau, die plötzlich merkt, dass sie in den falschen Bus eingestiegen ist. Der bringt sie in einen Kurort statt wie gewünscht zur schwarzen Madonna nach Polen. "Es ist sehr, sehr lustig, aber auch tief. Es geht um Vorurteile, Gut und Böse."

Mit Spannung erwartet die Übersetzerin das neue Buch von Bärfuss mit dem Titel "Hagard". Dessen Werke "Koala" und "Hundert Tage" hat sie bereits übersetzt, ebenso das Theaterstück "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern". Die studierte Literaturwissenschaftlerin hat neben der Leidenschaft für Literatur auch ein Faible für Film und Theater. "Es geht mir vor allem um die Erzählung im Medium Film", erklärt sie. In ihrer Heimat hat sie eine Firma gegründet, die Videofilme untertitelt. Außerdem war sie künstlerische Leiterin des lateinamerikanischen Filmfestivals in Marseille. "Es geht darum, Geschichten zu erzählen, um auch zwischen den Welten zu vermitteln", sagt sie.

Es gebe ein großes Interesse an Lateinamerika und der spanischen Sprache. Lateinamerika habe sehr harte Zeiten erlebt. "Und erlebt sie wieder", sagt die Argentinerin. Wo früher Militärputsche waren, gehe es heute subtiler vor, es gebe "parlamentarische Putsche". Außerdem habe ihre Heimat eine große Wirtschaftskrise erlebt. "Wir waren die Vorläufer der Krise, die jetzt Europa erlebt", sagt Baricco.

In ihrer Heimat sei das Interesse an deutschsprachigen Autoren groß. "Es sind nicht nur die berühmten Namen, sondern auch die jungen Autoren", weiß Baricco. Für den Verlag Adriana Hidalgo Editora ist neben ihren zahlreichen anderen Tätigkeiten auch als Scout unterwegs. "Ich suche Texte, die wir übersetzen können", erklärt sie. Es sei ein Abenteuer, gute Texte zu finden, die noch nicht übersetzt worden sind. Glück gehöre dazu. Denn Spanisch sei eine große Sprache, es gebe viele Verlage.

Manchmal wundere sie sich. Zum Beispiel, wenn außer ihr keiner auf die Idee gekommen sei, "Apostoloff" von Sibylle Lewitscharoff zu übersetzen. "Eine Übersetzung ist wie eine neue Inszenierung eines Werkes. Deswegen kann es auch verschiedene Übersetzungen geben."

Texte fürs Theater in eine andere Spreche zu transportieren sei aber noch eine "sehr andere Art der Übersetzung". "Denn diese Texte müssen von den Schauspielern auch gesprochen werden." Oft fertige sie zwei Fassungen an, eine internationale, spanische Fassung und eine Fassung für Buenos Aires, weil "wir so ein bisschen anders sprechen".

Wie ist es denn, wenn sie ihre Texte auf der Bühne gesprochen hört? Sie hat verschiedene Erfahrungen gemacht. "Sehr begeistert", nennt sie ihre Empfindung bei der Aufführung von Bärfuss "Die sexuellen Neurose unserer Eltern" in ihrer Heimatsprache. Es gab aber auch den anderen Fall. Da saß sie im Publikum und dachte: "Okay, es ist ein anderer Blick." Es sei der gleiche Text gewesen, aber eine andere Interpretation. "In diesen Fällen verschwinde ich", sagt die Argentinerin, die mittlerweile Wahl-Berlinerin ist. Die Stadt erinnere sie an ihre Heimat. "Wir sind Länder der Gegensätze", sagt sie über Lateinamerika. "Deswegen liebe ich Berlin, das ist eine Stadt der Gegensätze." Doch erst einmal hat sie ihr Zimmer in Straelen bezogen.

Quelle: RP
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