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Gelderland
Austritte steigen - Kirchenbesuche auch

Bischof Tebartz-van Elst - eine Chronik der Skandale
Bischof Tebartz-van Elst - eine Chronik der Skandale FOTO: dpa, Fredrik Von Erichsen
Gelderland. Es ist eine paradoxe Entwicklung. Im vergangenen Jahr sind so viele Gläubige wie selten aus der Kirche ausgetreten. Gleichzeitig werden die Gottesdienste wieder besser besucht. Die Verbundenheit zur Kirche steige, heißt es. Von S. Latzel und S. Zehrfeld

Auf den ersten Blick könnte sich der Hirte freuen. Das Bistum Münster hat mit seiner Mitgliederzahl gerade das Erzbistum Freiburg überholt und steht nun an Platz zwei der Diözesen in Deutschland. Doch tatsächlich ist Bischof Felix Genn darüber alles andere als glücklich. Denn Münster rückte nur auf, weil in Freiburg die Zahl der Katholiken noch stärker gesunken ist. Unterm Strich war das vergangene Jahr geprägt von einer großen Austrittswelle. Im Bistum Münster kehrten 11 859 Katholiken der Kirche den Rücken, das waren 17 Prozent mehr als im Vorjahr.

Eine Entwicklung, die auf die einzelnen Orte durchschlägt, wie ein Blick in die Statistik zeigt. 2014 registrierte das Amtsgericht Geldern, das für Austritte im Südkreis zuständig ist, mit 624 einen Höchstwert an Kirchenaustritten insgesamt, also sowohl von katholischen als auch von evangelischen Gemeindemitgliedern, wobei die katholische Kirche in der Region stärker vertreten ist. Im Jahr zuvor waren 533 Gläubige ausgetreten, in diesem Jahr sind es bis Ende Juli 285.

Von Tebartz-van Elst: Das ist der umstrittene Bischofssitz FOTO: dpa, Thomas Frey

Diese Zahl zeigt schon mal: Die Welle im vergangenen Jahr war ein großer Ausreißer. Das sehen auch Kirchenvertreter so. "Wir lagen im Kirchenkreis eigentlich konstant bei 0,5 Prozent Austritten, im vorigen Jahr ging das mit 0,8 Prozent deutlich nach oben", sagt Stefan Schnelting, Sprecher des evangelischen Kirchenkreises Kleve.

Verantwortlich für das Phänomen sei nicht zuletzt das neue Verfahren zur automatischen Erhebung der Kirchensteuer auf die Kapitalertragssteuer, meint er. "Für einige hing die Mitgliedschaft buchstäblich am seidenen Faden, für diese war diese Entwicklung der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte." Dabei ist die Steuer gar nicht neu, wie viele fälschlich annehmen. Sie wurde immer schon erhoben - nur jetzt bekamen die Leute das bewusst mit.

So leben die deutschen Bischöfe FOTO: dpa, Uwe Zucchi

Auch Pfarrer Arndt Thielen von St. Maria Magdalena Geldern glaubt, dass finanzielle Gründe gerade bei denen eine Rolle spielen könnten, die der Kirche ohnehin nicht mehr sonderlich nahe standen. Er will das aber nicht als einzige Ursache sehen: "Es gibt sicherlich auch Unzufriedenheiten mit kirchlichem Gebaren", sagt er. "Einige wollen vielleicht Geld sparen. Andere sagen: Ich bin mit dem und dem, was in der Kirche läuft, nicht zufrieden."

Es gibt aber auch eine gegenläufige Bewegung: Die Zahl der Gottesdienstbesucher, der Trauungen, der Taufen ist bemerkenswert konstant. Hier und dort finden sogar wieder mehr Besucher in die Gottesdienste. Ist das Bedürfnis nach Kirche, nach Gemeindeleben, also trotz allem ungebrochen?

Arndt Thielen bejaht das: "Das Bedürfnis nach Spiritualität und nach Heimat", sagt er, "das ist auf jeden Fall konstant." Während alles in der Welt immer globaler und internationaler werde, biete die Kirchengemeinde Verwurzelung.

Er glaubt - zumindest für Geldern - auch nicht, dass die Zahl der Kirchenaustritte immer weiter ansteigen wird. Die Verbundenheit der Menschen mit der Gemeinde zeige sich deutlich. Es gebe einen großen Stamm an regelmäßigen Kirchgängern: "Mindestens konstant." Nicht alle Eltern lassen ihre Kinder taufen, "aber wir haben schon eine sehr hohe Quote". Und wenn Althergebrachtes geändert wird - von den Wegen der Fronleichnamsprozessionen bis zu Gottesdienstzeiten -werde klar, wie wichtig den Menschen ihre Rituale seien.

Um Austritte zu verhindern, könne die Kirche eines tun: "Authentisch und möglichst nah bei den Menschen sein." Andererseits könne sie als Institution aber auch nicht jeden einzelnen "abholen". "Innerhalb des Volkes Gottes gibt es ganz viele unterschiedliche Strömungen", sagt Arndt Thielen. Die Gläubigen müssten auch selbst die Gemeinschaft suchen, und sie müssten als Gemeinde mehr "beieinander sein".

Quelle: RP
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