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Geldern
Bauherr kappt Weg zu Nachbargärten

Geldern: Bauherr kappt Weg zu Nachbargärten
Die bald 94-jährige Leni van de Kamp demonstriert, wie sie ihre blankgeputzten Mülltonnen nun immer zur Straße bugsiert: von der Terrasse durch die Küche ins Wohnzimmer, dann durch den Flur und nach draußen. FOTO: Zehrfeld
Geldern. In Kapellen haben Anwohner einen Fußweg mit ihrem Garten zugebaut. Nachbarn kommen nun nicht mehr aus ihren Gartentoren. Ein Rollstuhlfahrer ist buchstäblich gefangen. Eine Seniorin rollt die Mülltonnen durch die Wohnung raus. Von Sina Zehrfeld

Leni van de Kamp, bald 94 Jahre alt, muss ihre Mülltonnen seit neuestem durch die gesamte Wohnung rollen, wenn sie sie von der Terrasse an den Bürgersteig stellen will. "Ich putze die Räder immer erst ab", erzählt sie - immerhin geht's von draußen durch die gute Stube. Und zwar so: "Erst die zwei Stufen rauf, dann durch die Küche, durchs Zimmer, durch den Flur und dann an die Straße."

Sie wohnt an der Lange Straße in Kapellen. Früher konnte sie ihre Tonnen durchs Gartentor auf den asphaltierten Weg schieben, der zwischen den Gärten der Anwohner und den nächst angrenzenden Grundstücken entlang führte. Nun aber hat ein Paar ein Grundstück gekauft und den eigenen Garten über den Pfad hinweg gebaut. Vor etwa zwei Wochen wurde eine Mauer gesetzt und Erde aufgeschüttet.

Hier endet der Weg jäh vor der neuen Mauer. Links und rechts sind Gärten. FOTO: Zehrfeld Sina

Eine Katastrophe ist das für Ralf Rosendahl: Er kann sein Grundstück seit Mitte März nicht mehr verlassen. "Der Weg war für mich der einzige Zugang, um auf mein Grundstück zu kommen", erklärt er. Er ist auf den Rollstuhl angewiesen. Die Haustür kann er nicht nehmen: Der Bürgersteig ist zu schmal, zudem gibt es eine Stufe, eine Rampe lässt sich dort nicht bauen. Nun ist der Pfad hinter seinem Garten durch die neue Mauer so verengt, dass der Rollstuhlfahrer um die nächste Zaunecke nicht mehr herumkommt. Bruder Dirk Rosendahl ist empört: "Er hat keine Möglichkeit mehr, das Haus zu verlassen. Er kann nicht einkaufen. Er kann nicht zum Arzt. Er ist eingeschlossen."

Ralf Rosendahl hatte seine Lage den neuen Nachbarn im Vorfeld erklärt und steht nun fassungslos vor deren Entscheidung: "Menschlich und moralisch ist das verwerflich."

Ralf Rosendahl, Katja van Betteray, Dirk Rosendahl, Leni van de Kamp und Johannes Korting (v.l.) im Garten von Ralf Rosendahl. Er ist zu Hause gefangen. FOTO: Zehrfeld Sina

Das Ganze konnte passieren, weil es sich beim so genannten "Päddchen" - in Karten ist es als "Gartenstraße" verzeichnet - um einen öffentlichen Weg auf privatem Grund handelt. Er ist befestigt, offen für jeden, es gab ihn praktisch immer schon. Aber die Fläche gehört auf dem Papier zu den beidseitig angrenzenden Gartengrundstücken. Nach Angaben der Stadt Geldern gibt es im ganzen Gemeindegebiet solche Wege.

In Kapellen sind nun zwei Häuser - darunter das von Leni van de Kamp - richtig "eingemauert". Öffnet man das Gartentor, steht man direkt vor der kniehohen Betonbarriere. Für alle anderen Nachbarn ist der Weg "nur" unterbrochen. Er ist kein Verbindungsweg mehr, sondern eine Sackgasse.

Für viele, wie etwa die Familie van Betteray, ist das einfach schade. "Unsere Kinder konnten immer hinten raus zu meinen Eltern", erzählt Katja van Betteray. Jetzt ist das nicht mehr so einfach für Niklas (9) und Sophie (7): "Vorne rum ist nur der schmale Bürgersteig, da ist das zu gefährlich. Die Lkw fahren ja nicht gerade langsam."

Hans Ulbrich ist Mitglied des Seniorenbeirats und wurde deshalb informiert. "Das ist für ganz Kapellen ein Problem, weil es diese Wege ,achter de höf' - hinter den Gärten - überall gibt", sagt er. Das sei die gewachsene Struktur im Ort: "Diese Wege sind enorm wichtig."

Nachbar Johannes Korting, dessen Gartenzaun nun ebenfalls an Beton stößt, bezweifelt, dass der Mauerbau überhaupt zulässig ist. "Für die ganze Ortschaft wollen wir dafür sorgen, dass die Stadt Geldern ein Auge darauf hat, dass diese Wege nicht einfach geschlossen werden", sagt er.

Damit stoßen die Bürger durchaus auf offene Ohren: Die Stadtverwaltung hat bereits eine juristische Prüfung veranlasst. Und egal, wie das ausgeht: Glücklich ist sie mit dem Schritt der Kapellener Bauherren auf keinen Fall. "Nach Auffassung der Stadt Geldern handelt es sich um einen Weg, der auch in seiner Anmutung und Wahrnehmung öffentlich ist", erklärt Stadtsprecher Herbert van Stephoudt auf RP-Anfrage. "Entsprechend ist er auch öffentlich ausgeschildert." Er sei "nie als Weg in Frage gestellt" worden. "Hinzu kommt, dass diese Lösung, die auch nach wie vor von der Stadt Geldern gutgeheißen wird, bereits seit Jahrzehnten besteht."

Die neuen Nachbarn selbst wollten ihre Sicht der Dinge auf RP-Anfrage nicht darlegen. Die Anwohner und die Stadtverwaltung wüssten über alles bescheid, da sei eigentlich alles gesagt, teilten sie mir.

Quelle: RP