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Geldern
Das Ende einer Ära - Kathi räumt aus

Geldern: Das Ende einer Ära - Kathi räumt aus
In ihrer privaten "Villa Kathi" in Veert befinden sich verschiedene Relikte aus vergangenen Tagen bei der Awo. Diese sollen bei einem Garagentrödel veräußert werden. Der Erlös geht - so soll es sein - an die Awo. FOTO: Seybert
Geldern. 40 Jahre lang wurden Kathi von der Weydt und die Awo-Tagesstätte in Geldern in einem Atemzug genannt. Das ist nun vorbei. Die Räume wurden aufgelöst, zu Wohnraum umgebaut, die 79-Jährige will nun endlich mal an sich denken. Von Monika Kriegel

Kathi von der Weydt (79) und die Awo-Tagesstätte Geldern - beide Begriffe konnten knapp 40 Jahre lang nur in einem Atemzug genannt werden. "Ja, jetzt ging eine Ära zu Ende. Die Tagesstätte wurde geschlossen", bedauert die umtriebige Vorsitzende, dass sie dem Mitgliedervotum folgend die Räume schließen musste. In ihrer privaten "Villa Kathi" in Veert befinden sich nach der Auflösung verschiedene Relikte aus vergangenen Tagen: Die Losbude, ihr handgemaltes Waffel-Schild, Möbel aus der Tagesstätte, die inzwischen zu Wohnraum umgebaut wurde. Inventar, das sie möglichst bald beim Garagentrödel veräußern möchte. Der Erlös geht - natürlich - an die Awo. "So, wie ich das gemacht habe, das kann man nur machen mit 100-prozentigem Awo-Denken", sagt Kathi von der Weydt über ihre zweite Lebenshälfte, sie spricht insgesamt von einem "sehr erfüllten Leben."

2011: Albert Holzhauer überreicht Kathi von der Weydt die Verdienstmedaille der Awo. FOTO: evers (2)

Das zielstrebige Engagement der zweifachen Mutter begann mit einem Saft- und Obststand bei der Straßenparty. "Damals habe ich 400 Mark eingenommen. Die Reaktion aus meinem Umfeld war: Du bist die Richtige als Awo-Vorsitzende!" Das war 1977, wie sich die erste Draak-Preisträgerin von 1986 erinnert. Auch in den 70er Jahren habe man zu Weihnachten für Asylbewerber schon Tüten gepackt, zieht sie Parallelen zur heutigen Situation.

Anfangs öffneten sich die Türen der Awo-Tagesstätte zweimal in der Woche zum Frühstück für Arbeitslose. Rund 100 Menschen habe ihr verstorbener Ehemann Heinz durch viele Kontakte einen Arbeitsplatz vermittelt, rechnet die Sozialdemokratin zusammen. "ABM-Kräfte hieß das damals. Wir hatten in der Tagesstätte 13 Leute beschäftigt. Allein fünf ABM-Lehrer, die täglich 30 Kinder bei den Hausaufgaben betreuten. Kostenlos. Und dann noch zwei Sozialarbeiter. Zwar wurden die Mitarbeiter vom Arbeitsamt bezuschusst, der Rest musste von der Awo getragen werden. Und dafür hat Kathi Waffeln gebacken", sagt sie über sich stolz.

An der süßlich duftenden Waffelbude zu allerlei Festivitäten und auf dem Gelderner Weihnachtsmarkt kam - fast - keiner vorbei. "Und als wir im Stadtrat für die Awo-Tagesstätte keine Zuschüsse bekamen - dafür aber das DRK - habe ich einfach den Waffelpreis auf einen Euro verdoppelt", sagt die Frau. "Nur durch Taten kann man was erreichen. Ich mache nur ganze Sachen." Und mit diesen Erlösen konnte sie rechnen: 45 Cent von einem Euro blieben direkt in Geldern. Eine Einstellung, für die sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

Unentwegt, geradezu stoisch, habe sie Wohlfahrtslose in der Innenstadt verkauft. "Jeden Tag. Ich glaube, es waren 9600 Lose. Wenn jemand hinter meiner Bude vorbei ging, habe ich einfach die Tür geöffnet. Da traute sich keiner vorbei, ohne ein Los zu kaufen. Einen Riesengewinn von 10.000 Mark habe ich mit einer Gewinnerin abgeholt."

Zum Kaffeetrinken wurde der Awo-Treff dreimal pro Woche nachmittags rappelvoll. Auf 177 Quadratmetern kamen zum Seniorentreff bis zu 100 Bürger vorbei. "Da wurde Kuchen gebacken, es gab Apfelscheiben und belegte Brötchen." Die Awo-Frau war mit Helfern täglich zur Stelle. Die Kuchenbäckerinnen seien altersbedingt längst nicht mehr dabei. Und wo die Senioren von früher abgeblieben sind, das könne man sich ja nach 40 Jahren ebenfalls ausrechnen. Die Gruppe sei immer kleiner geworden.

Ein Hüte-Turm im Flur der Villa Kathi zeugt von einem anderen aktiven Part, den von der Weydt - neben dem Skatspielen - getragen hat: "Ich war wohl 30 Mal in Spanien als Reisebegleitung. Jedes Mal für etwa 47 Urlauber. Wir hatten einen Prospekt von der Awo Kleve, die Reisen wurden bezuschusst. Und los ging es in Geldern. Denn: Was die Jungen können, können die Alten schon lange", findet das frühere SPD-Kreistagsmitglied.

Erinnerungen bleiben: An die 15-fache Mutter, die ihren ersten Urlaub mit der Awo machte. An viele schöne Begebenheiten, die Jahr für Jahr in Versform festgehalten wurden. Diese Aufzeichnungen möchte sie einmal als Buch zusammenfassen. "Sonst verschwindet die Awo in den Köpfen: Für andere da sein und sich selbst zurücknehmen."

Die Tagesstätte in Geldern gibt es nicht mehr, und die Veerterin kommt mit einem Rat vom Arzt zurück. "Ich soll endlich mal an mich danken. Ich fange jetzt an zu leben."

Quelle: RP
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