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Geldern
Das Leben im Fluss

Geldern. Die Niers hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Vom Naturidyll zum Abwasserkanal und jetzt auf dem Weg zurück. Vorzeigeprojekte gibt es vor allem hier im Gelderland. Und die bringen das Leben zurück in den Fluss. Von Antje Seemann

Die Natur im Gelderland zeigt sich an den Niersufern von einer ihrer schönsten Seiten: Wandern, Radfahren, Spazieren, und nicht nur Schulklassen und Junggesellenabschiede freuen sich über eine Paddeltour auf dem Fluss. Überall wachsen Pflanzen im und am Wasser, Fische wie Hecht und Aal schwimmen wieder, mit etwas Glück lässt sich auch ein Eisvogel oder ein Biber blicken.

Die Nähe zur Niers findet sich auch sonst im Alltag: Straßen sind hier nach ihr benannt, eine Grundschule in Goch hat sie im Namen, die Regionalbahn zwischen Kleve und Düsseldorf macht sie zum Express, in Geldern heißt ein ganzer Büro- und Wohnpark wie sie. Die Niers findet man häufig als Namensgeber in unserer Region - zum Beispiel bei einem großen Bankinstitut oder einer bekannten Eigentümervereinigung. Sie sind "an der Niers". Doch das Bewusstsein war nicht immer da.

Vor der Industrialisierung wurde der Fluss vor allem als Mühlenstaue benutzt, sagt Magrit Heinz vom Niersverband: "Zu den Höchstzeiten gab es fast alle zwei Kilometer eine Mühle." Pflanzen, Fische und Kleinlebewesen wie Insektenlarven, Muscheln und Krebse machten die Niers zu einem artenreichen Gewässer. Doch mit der Industrie änderte sich das. Ähnlich wie viele Flüsse wurde die Niers als Abwasserkanal benutzt, sagt Heinz: "Im 19. Jahrhundert war die Niers eine stinkende Kloake. Da wurde alles reingeleitet. Die Abwässer von der Textilindustrie im Mönchengladbacher Raum. Und auch die häuslichen Abwässer." Die Bevölkerung wuchs rasant, eine Abwasserreinigung gab es aber damals noch nicht. Das war besonders problematisch, wenn bei Hochwasser der Fluss über die Ufer getreten ist. Dadurch konnten sich nämlich Krankheiten wie Cholera oder Typhus ausbreiten. "Die Niers war biologisch tot. Da konnten weder Fische noch Pflanzen drin überleben", sagt Heinz.

Anfang des 20. Jahrhunderts kam die Denkwende. Heinz: "Irgendwas musste passieren, denn die Niers stank zum Himmel." 1927 wurde der Niersverband gegründet - und die anliegenden Städte mussten Mitglied werden. "Es gab dann Überlegungen, den Fluss zu begradigen, um das Abwasser schneller in Richtung Holland zu leiten. Die zweite Überlegung war, Kläranlagen zu bauen." Damit begann die Reinigung des Flusses. Bis Mitte der 1970er Jahre wurde der Flusslauf begradigt und als Kanal ausgebaut. "Mit Blick auf Hochwasserschutz war das aber nicht so optimal", erklärt Heinz. Ab den 80er Jahren gab es dann Ideen, die Niers wieder zu renaturieren - sie also naturnah umzugestalten.

Dass das erfolgreich ist, sieht man zum Beispiel in Pont. Hier wurde im Jahr 2000 der Bereich Pont-Nord renaturiert, 2007 dann der Bereich Pont-Süd. Tiere und Pflanzen kommen zurück, darunter auch seltene oder gefährdete Arten. "Bei Untersuchungen in der Niers und den Mündungsbereichen der größeren Nebengewässer Nette, Gelderner Fleuth, Issumer Fleuth und Kervenheimer Mühlenfleuth wurden insgesamt 28 Fischarten gefunden", sagt Heinz. Am häufigsten sind dabei die Schmerle, der Flussbarsch und der Dreistachlige Stichling. Aber auch Hechte, Aale und Rotaugen leben in der Niers. Häufige Pflanzenarten sind zum Beispiel der Wasserstern und der Einfache Igelkolben. "Auch der Biber ist zurück", sagt die Expertin vom Niersverband. "Die Niers ist eine wichtige Lebensader für Pflanzen und Tiere. Auch für die Menschen hier ist sie ein Gewinn." Negativ sei allerdings, dass sich auch nicht heimische Pflanzen und Tiere in und an der Niers breitmachen - wie die Schwarzmundgrundel. "Wir beobachten hier genau, ob es zu einer weiteren Ausbreitung kommt und welche Effekte das auf die heimische Fischfauna hat." Ein Problem seien die sogenannten Neozoen aber bisher nicht.

Die Füße hochlegen will man beim Niersverband - trotz der Erfolge -nicht. "Wenn wir allein auf die Wasserqualität schauen, ist die Niers in einem guten Zustand. Unbefriedigende Bewertungen hat der Fluss aber zum Beispiel bei der Gewässerstrukturgüte in nichtrenaturierten Bereichen", sagt Heinz. "Im Gelderner Bereich haben wir viel gemacht. Aber in anderen Teilen ist die Niers noch begradigt. Da haben wir noch viel zu tun." Darum gibt es aktuell weitere Projekte - wie die "Baustelle" in Wetten, wo Bagger einen neuen Flussverlauf buddeln.

Quelle: RP
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