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Stadtwerke Geldern Präsentieren Verschwundene Orte (10)
Der Geldernschen Kleinbahn auf der Spur

Stadtwerke Geldern Präsentieren Verschwundene Orte (10): Der Geldernschen Kleinbahn auf der Spur
So sah sie aus, die Geldernsche Kreisbahn, die 1901 an den Start ging. Am Ende sorgte ein Defizit von 70 Billionen Mark für das Aus. Am 15. November 1923 wurde der Personenbetrieb eingestellt, am 1. April 1932 der Güterverkehr. FOTO: Riede
Geldern. 30 Jahre lang fuhr das Bähnchen treu durch die Landschaft. Einem Namen machte es sich als "Feuriger Elias". Ihr wird ein Weltrekord im Entgleisen nachgesagt. Für die Lüllinger bedeutete die Kleinbahn wirtschaftlichen Aufschwung. Von Bianca Mokwa

Lüllingen Es schwingt immer ein bisschen Romantik mit, wenn vom "Feurigen Elias" die Rede ist. Gemeint ist die Gelderner Kleinbahn. Korrekt hieß sie Geldernsche Kreisbahn und war ein Kuriosum. Denn auch, wenn sie den Namen trug, so fuhr sie doch nie durch Geldern.

Ihr Weg führte von Kempen über Wachtendonk, Wankum, Straelen, Auwel-Holt, Walbeck und Lüllingen nach Kevelaer. Die Geldernsche Kleinbahn sollte den wirtschaftlichen Aufschwung vorantreiben. Für Lüllingen ist ihr das auch ohne Zweifel gelungen. Walter Luyven vom gleichnamigen Gasthof holt eine Karte aus dem Jahr 1877 hervor. "Da ist die Klus", sagt er und zeigt auf die Heidelandschaft: "Keine Häuser, nur weites Nichts." Oder wie es der Niederrheiner ausdrückt: "Wo kein Wanderer setzt den Fuß, da ist die Klus."

Das änderte sich mit der Kleinbahn. Beim Gasthof Luyven war ein Haltepunkt. Die Station hieß "Lüllingen-Twisteden". Pilger auf dem Hin- und Rückweg nach Kevelaer stiegen dort ab, Billets wurden dort verkauft. "Die Kleinbahn, dadurch ist Leben ins Dorf gekommen", ist Luyven überzeugt. Kurz nach dem Start 1901 entstand in Lüllingen 1905 die Molkereigenossenschaft. Luyven erinnert sich noch an eine Begebenheit, die seinem Großvater 1913 widerfahren ist. Der war auf dem Weg von Oldenburg und hatte dort Schweine eingekauft. Beim Verladen von der Staatsbahn in die Kleinbahn wurde er angesprochen. Er solle keinen Schrecken bekommen, wenn er nach Hause führe. Auf dem Verladebahnhof in Kevelaer hatte sich bereits herumgesprochen, dass es in Lüllingen gebrannt hatte. "Das Wohnhaus nebst Scheune brannte vollständig nieder", heißt es in einem Zeitungsartikel über das Feuer am 25. März 1913. Glück im Unglück: Die 300 Schweine des Gasthofs konnten in Sicherheit gebracht werden.

Nicht nur Schweine wurden in den Güterwagen des Bähnchens transportiert. Claire Holtmann hat in einem Vortrag für die Lüllinger Heimatfreunde ein paar Zahlen zusammengestellt, als Fundgrube erweist sich das Buch von Lothar Riedel "Die Geldernsche Kreisbahn". Ein Tier mitzunehmen kostete zehn Pfennig von Kevelaer nach Lüllingen oder umgekehrt, die Fahrt in der dritten Klasse 20 Pfennig.

In ganz anderen Sphären schweben die Ausgaben für den Bau der Geldernschen Kreisbahn. Veranschlagt waren im Jahr 1897 noch 900.000 Mark. Der Landrat Oskar von Nell trieb das Projekt voran. Anfangs war auch die Stadt Kempen mit im Boot. Noch vor dem ersten Spatenstich wollte Kempen nichts mehr davon wissen. Am Ende gab es eine Geldernsche Kreisbahn, die 1.529.702 Mark kostete. Kein Wunder, dass dieses Projekt im Karneval viel Spott erntete.

Natürlich hat man sich vorher Gedanken über den Nutzen einer solchen Bahn gemacht. Es gab eine Verkehrszählung. "Niedlich" nennt Claire Holtmann die Zahlen, die da zusammenkamen. So wurden auf der Straße von Straelen nach Walbeck fünf beladene Fuhrwerke, fünf leere Fuhrwerke, drei sonstige Fuhrwerke, ein Fahrrad und 56 Fußgänger gezählt. Tatsächlich konnte die Geldernsche Kreisbahn einen zunächst rasanten Aufstieg verzeichnen. Fuhren 1901 noch 62.928 Personen mit dieser Bahn, waren es zwei Jahre später schon 197.570. Die Hoch-Zeit waren die Jahre 1916 und 1917 mit fast einer halben Million Fahrgäste.

Bevor es mit der Geldernschen Kleinbahn unaufhaltsam bergab ging, gab es nach dem Ersten Weltkrieg ein letztes Aufbäumen. Grund war die französisch-belgische Besatzung, erklärt Werner Kirking aus Lüllingen. Die Besatzungsmächte verboten den Staatsbahnen zu fahren. Freie Fahrt also für die Kleinbahnen. Die große Konkurrenz ließ sich aber nicht mehr aufhalten. Das Automobil avancierte zum Transportmittel Nummer Eins. Außerdem hatte man den Anschluss verpasst. Oft war laut darüber nachgedacht worden, die Kleinbahnstrecke auf reguläre Staatsbahnmaße umzubauen. Umgesetzt wurde das nie. Am Ende sorgte ein Defizit von 70 Billionen für das Aus. Am 15. November 1923 wurde der Personenbetrieb eingestellt, am 1. April 1932 der Güterverkehr.

Der Bahn wird nachgesagt den "Weltrekord im Entgleisen" zu halten. Und vielen ist die Geldernsche Kleinbahn als "Feuriger Elias" in Erinnerung geblieben. Den Namen erhielt sie, nachdem am 20. März 1928 ein mit Stroh beladener Güterwagon Feuer gefangen hatte, auf Holt zuraste und die dortige Schule in Brand steckte.

Quelle: RP
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