| 00.00 Uhr

Gelderland
Der Mann und die Märchen-Schatzkiste

Gelderland: Der Mann und die Märchen-Schatzkiste
Um eine geheime Kiste geht es auch beim Grimmschen Märchen "Der goldene Schlüssel". Rolf Peter Kleinen hat ihn offensichtlich gefunden. FOTO: Seybert
Gelderland. Wer hinter die Kulissen der Erzählungen blickt, merkt, dass es um das eigene Leben geht. Rolf Peter Kleinen aus Veert ist Dozent und Mitglied in der Europäischen Märchengesellschaft. Seriosität trifft auf Vorurteile im Weißen Häuschen. Von Bianca Mokwa

Tragik, Verlust, Konflikte bestimmen so manches Märchen, so wie das wahre Leben. Wer erfahren möchte, warum ein Dummling ein durchaus guter Liebhaber ist, der sollte mal wieder abtauchen in die Geschichten, die mit "Es war einmal" starten.

In der Atmosphäre des Issumer Weißen Häuschens fällt es Erzähler Rolf Peter Kleinen leicht, seine Stimme zu erheben und loszulegen. "Dann hören Sie mal ein Märchen", sagt er und beginnt mit Nummer 200 aus der Sammlung der Brüder Grimm. "Der goldene Schlüssel" heißt es und es lässt den Zuhörer ein wenig verloren zurück. Denn nie erfährt er, was in dem Kästchen ist, das ein Junge zur Winterszeit findet.

Für Kleinen ist es kein Wunder, das genau dieses Märchen am Ende der Grimmschen Sammlung steht. Das Märchen selbst ist der Schatz, in der Kiste, auf den der goldene Schlüssel passt. Märchen, die müssen wiederentdeckt und gehoben werden.

Einige haben das schon entdeckt. Kleinen spricht von einem alten Kulturgut, die Kasseler Ausgabe der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm ist Unesco-Weltkulturerbe. Aber das war nicht immer so. "Damals wurden Märchen argwöhnisch betrachtet", sagt Kleinen. Und auch heute verbinden einige damit "Ammenmärchen" oder "Kinderkram". "Natürlich deuten wir auch Märchen, aber es ist gut, sich auch berühren zu lassen", sagt Kleinen, der auch Kommunikationstrainer ist. "Communicare" stehe dafür, etwas zu teilen, zur gemeinsamen Sache zu machen, erklärt Kleinen. Und das funktioniere bei Märchen wunderbar. Denn die spielen "einst", in einer Zwischenwelt zwischen Vergangenheit und Zukunft. "Das lieben wir auch im Kino oder wenn wir ein Buch lesen, in diese Anderszeit einzutauchen", sagt Kleinen fast schwärmerisch. "Wir füllen die Märchen mit unseren Lebenserfahrungen", sagt er noch und gibt Einblicke in eine Welt, die fernab von "Kindergeschichtchen" spielt.

Als Beispiel nennt er "Das Eselein". Das Märchen beginnt nett: "Es lebten mal ein König und eine Königin." Allerdings bekommt die Königin keine Kinder. Unfruchtbarkeit würde man heute sagen. "Das sind keine Friede-Freude-Eierkuchen-Geschichten", betont Kleinen. Die Königin wird nach lange unerfülltem Kinderwunsch schließlich doch schwanger und gebiert ein Kind in Eselsgestalt. "Ungeliebt" könnte über diesem Leben stehen. Der Esel verlässt das Elternhaus, heiratet und zeigt sich nur seiner Braut in Jünglingsgestalt. "Seine wahre Gestalt", nennt es Kleinen. "Er lässt alle Masken fallen." Es gehe um den Widerspruch zwischen Sein und Schein und dem tiefen Bedürfnis des Menschen, so vor dem Partner zu gelten, wie man ist. Die Zaubermärchen seien Entwicklungsgeschichten.

Die Hochzeit am Ende stehe für Einheil-und-Ganzwerden. Das Mächtigwerden (über das ganze Reich herrschen) ist ein "Zu-seinen- Möglichkeiten-kommen", beschreibt es Kleinen. Es gehe um Sinnfindung, um ein Sich-auf-den-Weg-machen. Die Märchen sind eben keine rührseligen Ammengeschichten, sondern geben einen Schubs in das echte Leben. "Das Märchen enthält eine Botschaft, aber die kommt nicht plump daher", nennt es Kleinen. Er erinnert an die Worte vom schweizerischen Autor Max Frisch: "Man sollte die Wahrheit dem anderen wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann - nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen."

Kleinen hat noch ein Märchen auf Lager. "Die Bienenkönigin". Dabei spielt einer der Brüder, den alle Dummling nennen, eine besondere Rolle. "Der Dummling als Liebhaber", darüber hat sogar Franz Vonessen geschrieben, sagt Kleinen. Denn hinter dem profanen Namen stecke eine besondere Qualität. "Der Dummling ist ohne Arg, der berechnend ist, lässt den anderen gelten und nimmt wahr", zählt der Erzähler auf. "Wir verlieren das Staunen", mahnt er. "Wir haben oft Papierwissen, aber aus intensivem Staunen wird Wissen." Vielleicht ist es mal wieder an der Zeit, sich ein Märchen erzählen zu lassen.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Gelderland: Der Mann und die Märchen-Schatzkiste


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.