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Straelen
Der Spagat: Deutsch als Fremdsprache

Straelen: Der Spagat: Deutsch als Fremdsprache
Der Eiserne Vorhang hinderte Juliane Lochner lange daran, ihre Sehnsucht nach der weiten Welt auszuleben. FOTO: Seybert
Straelen. Die Leipzigerin Juliane Lochner ist "Translator in Residence" im Europäischen Übersetzerkollegium Straelen. Aktuell übersetzt sie einen amerikanischen Liebesroman. Sie studierte unter anderem Tibetologie, unterrichtet Migranten. Von Bianca Mokwa

Die große weite Welt hat Juliane Lochner schon immer fasziniert. Doch viele Jahre war der Verwirklichung ihres Traums ein Riegel vorgeschoben. Genauer gesagt, eine Mauer stand der Erfüllung ihrer Sehnsucht im Weg. Geboren ist die 56-Jährige in Jena, aufgewachsen in Rostock. Seit dem Studium ist Leipzig ihre Heimat. Sie gehörte zu denen, die friedlich demonstrierten. "Ich wusste, Montagabend ist da mein Platz." Ihre Aufgabe: "Nach Freiheit schreien", sagt Lochner. Bis heute sei es für sie ein Wunder, dass alles unblutig vonstatten ging, sich der Eiserne Vorhang, der West- und Ostdeutschland trennte, öffnete.

Erste Berührung mit der Welt jenseits des Vorhangs hatte sie in Kindertagen. Ihr Geburtsjahr 1959 war gleichzeitig das Jahr, in dem die Tibeter fliehen mussten. Einige fanden Zuflucht in der Schweiz, es gab Schweizer Familien, die tibetische Flüchtlingskinder aufnahmen. So eine Familie war bei ihren Eltern zu Besuch. In dieser Zeit erwuchs ihr Wunsch, Indologie, Tibetologie und Mongolistik zu studieren. Sie erfüllte sich den, schrieb ihren Bachelor, als ihre drei Kinder größer waren. "Mach doch", habe ihr Mann gesagt. "Ich möchte nicht alt und bitter darüber werden, was ich nicht gemacht habe", sagt Lochner selbst.

Übersetzen, das war auch so ein Traum, den sie sich erfüllt hat. 1988/89, zum Ende der DDR-Zeit, erschien eines ihrer ersten Bücher, Eskimolegenden aus Kanada. "Inuit" heiße es politisch korrekt, korrigiert sich die Übersetzerin.

Von übertriebener politischer Korrektheit hält sie allerdings nichts. Neben dem Übersetzen gibt sie Sprachunterricht für Ausländer. Darunter sind Flüchtlinge, aber auch solche Menschen, die ohne Not in Deutschland sind. "Eine Zelle der Integration" nennt sie ihre Sprachkurse. "Da sitzen Israelis neben Palästinensern und staunen, dass das auch nur Menschen sind", beschreibt sie das Aufeinandertreffen der verschiedenen Kulturen, Menschen und Meinungen.

Die aktuelle Flüchtlingsdebatte lässt sie nicht kalt. Sie ärgere sich über die Leute, die kein Einfühlungsvermögen haben, die ein völliges Unverständnis zeigen, warum Menschen ihre Heimat verlassen. Genauso ärgere sie aber auch "Political Correctness", die Sachen vertuscht. "Das blanke Gutmenschentum finde ich auch nicht so gut. Da werden viele Fehler gemacht", sagt die Übersetzerin. Sie war immer diejenige, die sich auf den Weg gemacht hat, den Sachen auf den Grund geht.

Ihre Diplomarbeit hat sie über "Theater in Australien" geschrieben. Damals noch in der DDR. "Ich habe mir auf abenteuerlichen Wegen Material schicken lassen", sagt die Übersetzerin. Das Aha-Erlebnis war 1993, als sie endlich australischen Boden betreten konnte. Sie hatte ein halbjähriges Stipendium bekommen. "Es war unglaublich. Meine Tochter ist mit Kindern aus aller Welt dort zur Schule gegangen", erinnert sich die dreifache Mutter. 2008 war sie in Syrien, um Arabisch zu lernen. Mancher würde das vielleicht schon als kosmopolitisch bezeichnen. Lochner aber nicht. Sie mag Leipzig, seitdem es offen ist. Sie ist nicht weggezogen. Den Ausländern, denen sie Unterricht gibt, zeigt sie erst einmal "ihre" Stadt. "Ich versuche zu sensibilisieren, dass wir die Wende eingeleitet haben, Leipzig eine Rolle gespielt hat." Und sie wolle zeigen, dass wir eine offene Gesellschaft sind.

Die Deutschkurse, die sind für sie eine Abwechslung zum "Stubendasein als Übersetzer". Sie hat erst Germanistik und später Deutsch als Fremdsprache studiert. Ihre Arbeit mit Migranten fordere sie immer wieder heraus. Oft denke man, ein Übersetzer müsse besonders gut Englisch oder Spanisch können, die Sprache, aus der er übersetzt, beginnt Lochner ihre Erklärung. "Noch besser muss ein Übersetzer die Muttersprache kennen. Denn der zu übersetzende Text muss in der eigenen Sprache neu auferstehen."

Aktuell übersetzt sie einen amerikanischen Liebesroman. Gerne würde sie Literatur aus Südostasien, auch südafrikanische oder australische Belletristik übersetzen. Die Sehnsucht nach der großen, weiten Welt, die treibt sie immer noch vorwärts.

Quelle: RP
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