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Stadtwerke Geldern Präsentieren Verschwundene Orte (2)
Die alte Kate von Nelly Stroecks

Geldern. In der Josefstraße 1 hatten die Veerter ihren Frisör, Schuster und ihr Lebensmittelgeschäft. Ganz früher war in dem Haus eine Schmiede untergebracht. 2012 musste das Gebäude für einen Wohnkomplex weichen. Von Bianca Mokwa

Veert Viele Veerter werden sich noch an das Gebäude an der Josefstraße 1 erinnern. Es ist noch gar nicht so lange her, das es verschwand.

Heute würde man vermutlich sagen, es sei ein "Dienstleistungszentrum" gewesen. Denn in dem Haus waren Frisör, Schuster und ein Lebensmittelgeschäft untergebracht. Das Foto, auf dem Nelly Stroecks hinter der Ladentheke steht, hat sie Karl-Heinz Pastoors aus ihrem Fotoalbum persönlich in die Hand gedrückt. Sie wohnt unweit ihrer alten Wirkungsstätte. Wenn er über das Haus an der Josefstraße 1 erzählt, legt sich seine Stirn in Falten. "Ich wollte es gerne unter Denkmalschutz stellen", sagt der engagierte Mann des Veerter Heimat- und Verschönerungsvereins.

Und dann war da noch der Traum aus dem Haus ein Heimatmuseum zu machen. Stattdessen wurde das Gebäude im Jahr 2012 abgerissen. Fotos dokumentieren den kurzen Prozess, es zu Staub zu machen. Was bleibt, sind die Geschichten.

Zum Beispiel die, als junge Burschen in der Nacht zum 1. Mai 1963 den Birnbaum vor dem Haus der Stroecks entfernten. "Ein Mann hatte sich im angeschickerten Zustand dort öfters den Kopf gestoßen und sich geärgert", beginnt Pastoors die Geschichte. Auf die Entfernung des Birnbaums wurde eine Prämie ausgesetzt, 20 Mark. Es fanden sich tatsächlich zwei Handwerksburschen, die des nächtens mit einer scharfen Säge dem Birnbaum ein Ende setzten. "Die Recherchen bei der Polizei zu dieser Straftat blieben ohne Ergebnis und das Verfahren wurde eingestellt", sagt Karl-Heinz Pastoors.

Das Gebäude der Stroecks war eine wichtige Anlaufstelle. Nicht nur zum Erwerb von Lebensmitteln. Gerade an den Wochenenden hatte Ludwig Stroecks in seiner Frisörstube alle Hände voll zu tun. "Wenn man eh ins Dorf musste, ging man auch zum Frisör", fasst es Pastoors zusammen. Im ochsenblutfarbenen Anbau war die Schusterei untergebracht. "Eine eigene Welt", nennt es Pastoors. Er erinnert sich noch gut an die große Glaskugel, die zur Vergrößerung genommen wurde. Stroecks arbeitete in der Schuhmacherwerkstatt mit seinen Brüdern Heinrich und Peter. Mit seiner Frau Johanna bekam Ludwig die Kinder Heinz, Else, Maria und Nelly. Die Nelly, die später hinter der Theke steht und Karl Heinz Pastoors noch die eine oder andere Anekdote mit auf den Weg geben konnte.

Bevor Familie Stroecks 1920 das Gebäude erwarb, war es Eigentum der Familie van Issem. Rudolf Geese hat die Eigentümerwechsel in seinem Buch "Veert, das Kerndorf im Jahr 1810 mit seinen Wohngebäuden und den Eigentümern" zusammengestellt. Bereits damals waren die Besitzer sehr umtriebig und bedienten gleich mehrere Tätigkeitsfelder. Johannes van Issem wird 1841 als Schmied und Wirt bezeichnet. Sein Sohn Mathias wurde stolzer Vater von drei Töchtern. Im Gedicht vom Heimatdichter Hermann Pottbecker wird das zwar noch bedauert "Schäj - genne Sohn geboare, woar öm, bloß Döchter drij", aber die packten ordentlich mit an. Im Laufe des Mundartgedichts werden die drei Frauen Catharina, Adelgunde und Gertrude dann doch lobend erwähnt, Adelgunde gar als "Rännmaschine", was auf einen gewissen Fleiß schließen lässt. Mit der letzten Tochter starb auch die Geschichte der van Issems in Veert aus. "Van Issems ütgestörwe, ald' Veertse, bäste Lüj", der Heimatdichter lobt sie als "alte Veerter, beste Leute."

Mit der Familie Stroecks wurde 1820 ein neues Kapitel aufgeschlagen. Und wer sich an die alten Geschichten erinnert, und wenn es dafür einen Birnbaum braucht, solange ist nur das Gebäude verschwunden, aber nicht das, was die Menschen ausmacht.

Quelle: RP
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