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Kerken
Die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen

Kerken: Die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen
Stellten das neue Buch des Gemeindearchivs vor (v.l.n.r.): Bürgermeister Dirk Möcking, Franz-Johann Becker (Volksbank), Archivarin Johanna Klümpen-Hegmans (Gemeinde Kerken) und Olaf Scholten (Werbering). FOTO: Klaus-Dieter Stade
Kerken. Das neue Buch des Gemeindearchivs Kerken heißt "Der Krieg geht zu Ende". Es hält Zeitzeugenberichte und Erinnerungen an die letzten Kriegsjahre und das Kriegsende für künftige Generationen fest. Von Antje Seemann

Die vergangenen Monate waren für Johanna Klümpen-Hegmans voll mit alten Geschichten aus ihrer Gemeinde. Nun hält sie das Ergebnis ihrer Arbeit in den Händen: das Buch "Der Krieg geht zu Ende". Das hat die Archivarin der Gemeinde Kerken zusammen mit den Mitarbeitern des Archivs und dem Mediendesigner Dirk Langer zusammengestellt. Finanziell unterstützt haben sie dabei Franz-Johann Becker aus Krefeld und die Volksbank an der Niers.

Weil es immer weniger Menschen gibt, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben und aus dieser Zeit berichten können, wollte die Archivarin Erinnerungen festhalten, bevor es nicht mehr geht, erzählt sie: "Das ist so etwas wie die letzte Chance. 71 Jahre nach Kriegsende leben einfach nicht mehr so viele Zeitzeugen." Es geht um viele Einzelschicksale, um Menschen, die großes Leid erlebt haben. Aber auch um Hoffnung und das Leben in einem Unrechtsstaat. Die Thematik sei momentan hoch aktuell, sagt Bürgermeister Dirk Möcking bei der Buchvorstellung im historischen Michael-Buyx-Haus in Nieukerk: "Es ist wichtig, dass diese Erinnerungen festgehalten werden. Besonders vor dem Hintergrund des erstarkenden rechtsnationalen Gedankenguts." Sein Dank gelte deshalb allen Mitwirkenden und vor allem auch den Zeitzeugen, die zur Buchvorstellung ins Michael-Buyx-Haus gekommen waren. Klümpen-Hegmans führte in den vergangenen Wochen viele Interviews, las Berichte von noch lebenden und bereits verstorbenen Kerkenern, sah Briefe und Tagebücher aus der Zeit durch. Andere Berichte existierten hingegen schon, denn die Gemeindearchivarin hatte bereits 1995 - also 50 Jahre nach Kriegsende - mit einigen Zeitzeugen gesprochen. "Das Buch ist quasi ein Mosaik. Jeder Bericht hat einen neuen Aspekt", sagt die Archivarin. Da sind zum Beispiel die Geschichten von den starken Frauen aus den Kerkener Ortschaften, die sich und ihre Kinder jahrelang selbst durchbringen mussten, weil ihre Männer an der Front waren, in Gefangenschaft oder gefallen. Oder die Erinnerungen an die Fremdarbeiter, die während der Kriegsjahre in Lagern untergebracht waren und die - staatlich angeordnet - diskriminiert wurden. Von denen gab es in Nieukerk 263, in Aldekerk 164, vor allem aus der Sowjetunion.

Selbstverständlich darf in einem Buch über Erinnerungen an den Krieg die Geschichte der Juden in den Kerkener Ortschaften fehlen. Auf mehreren Seiten geht es um die Stolpersteine des Kölner Künstlers Günter Demnig. Die quadratischen Messingplatten erinnern vor Häusern an die Schicksale der meist jüdischen Mitbürger. Auch in Kerken wurden viele Juden deportiert und ermordet. Einigen gelang aber auch die Flucht, wie Arthur und Otto Mendel. Ihre Familie hat auf der Hochstraße 35 in Aldekerk gelebt. Nur die beiden Brüder überlebten den Holocaust, das Schicksal ihrer Mutter ist unbekannt.

Eigentlich sollte das Buch um die 100 Seiten umfassen. Dass es dann doch 320 Seiten dick geworden ist, hat sogar die Archivarin selbst überrascht: "Ich war schon ziemlich erstaunt, dass im Ergebnis jetzt über 180 Bilder herausgekommen sind. Aber wir haben nun mal alle Zeitzeugenberichte auch bebildert." Kurz vor Redaktionsschluss war es dann noch mal besonders stressig. Trotzdem ist auch Buch-Layouter Dirk Langer froh, dass er an dem Projekt mitarbeiten konnte: "Es war zwar stressig, aber es hat auch Spaß gemacht. Ich bin selber aus Kerken, da ist das schon interessant."

Zu kaufen gibt es das Buch beim Gemeindearchiv und in einigen Geschäften im Ort für 16 Euro.

Quelle: RP
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