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Geldern
Die Gelderner Tafel ist hoffnungslos überlastet

Geldern: Die Gelderner Tafel ist hoffnungslos überlastet
Alfred Mersch in den Tafel-Räumen. Inzwischen ist es so weit gekommen, dass Bürger extra Essen kaufen, um es der Tafel zu spenden. FOTO: Markus van Offern
Geldern. Die Zahl der Besucher hat sich durch Flüchtlinge binnen eines halben Jahres verdoppelt. Die Waren werden knapp. Ältere können das lange Schlangestehen nicht ertragen. Die Ehrenamtler sind hilflos. Von Sina Zehrfeld

Wenn der Gelderner Tafel-Laden dienstags um 14.30 Uhr öffnet, dann drängt sich eine große Traube von Menschen vor der Tür. "Wir können unsere Öffnungszeiten überhaupt nicht mehr einhalten", sagt der Tafel-Vorsitzende Alfred Mersch: Statt bis 17.30 Uhr wird inzwischen bis 19.30 oder 20 Uhr bedient. Das sechsköpfige Theken-Team überschlägt sich und kann der Nachfrage nicht gerecht werden. Waren werden rationiert und zum Abend hin dennoch knapp. "Die enttäuschten Gesichter unserer Tafel-Besucher - das ist Stress pur", sagt Alfred Mersch.

Seit dem Sommer hat sich die Zahl der Tafel-Kunden durch die vielen Flüchtlinge nahezu verdoppelt. Zum Jahreswechsel gab es beim Gelderner Laden 253 registrierte Besucher, wobei hinter einer Registrierung oft ganze Familien stehen. Am Standort Straelen sind rund 150 Kunden registriert, für die mobile Abgabestelle noch einmal mehr als 100. Pro Woche kommen derzeit locker zehn neue hinzu. Dabei bleibt die Menge der verfügbaren Lebensmittel relativ konstant. "Wir haben die Grenzen unserer Möglichkeiten überschritten", sagt Alfred Mersch. Es ist so weit gekommen, dass Bürger, "die sehen, was hier los ist", extra Essen einkaufen, um es der Tafel zu stiften.

Viele angestammte Besucher sind Senioren, die das lange Warten, das jetzt nötig ist, nicht mitmachen können. Mersch hat Angst, dass gerade sie irgendwann wegbleiben. Und, dass sich Ressentiments entwickeln: "Ich will nicht, dass wir eine Front aufbauen zwischen Flüchtlingen und Deutschen." Aber viele Deutsche entwickelten das Gefühl, bei den vielen Flüchtlingen unterzugehen: "Die fühlen sich wirklich zurückgesetzt."

Ebenso müssen die Helfer selbst sich davor schützen, irgendwann aus Frust zwischen "diesen" und "jenen" zu unterscheiden. Denn sie erleben, dass einzelne Armutsflüchtlinge, etwa vom Balkan beziehungsweise aus Südosteuropa, ihnen außerordentlich fordernd und unfreundlich begegnen. "Wir sind wirklich all diesen Menschen zugetan", sagt Mersch - aber solche Vorfälle belasten. Auch, wenn die große Dankbarkeit und Freundlichkeit der vielen anderen Flüchtlinge schwerer wiegt.

Die Tafel-Helfer haben sich den Kopf darüber zerbrochen, wie sie die Anforderungen bewältigen sollen: "Wie können wir den Menschen halbwegs gerecht werden?" Aber sie finden keine Antwort. Die Dienste auszuweiten, sei für die Ehrenamtler absolut nicht mehr möglich. Ein Aufnahme-Stopp kommt für sie einfach nicht infrage. Offizielle Stellen nennen den Bedürftigen, also auch den vielen Asylsuchenden, die Tafeln immer als Anlaufpunkte: "Aber keiner kann uns sagen, wie wir das stemmen sollen", sagt Mersch.

Es gibt aber auch gute Nachrichten von der Tafel: Die Bürger haben die jährliche Päckchenaktion zu Weihnachten mit besonders vielen wunderschön verpackten Spenden in dieser schwierigen Zeit förmlich gerettet. Und über die Feiertage sind neue Ehrenamtler dazugekommen.

Quelle: RP
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