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Geldern
Die letzten Tage fürs Lederstudio Bock

Geldern: Die letzten Tage fürs Lederstudio Bock
Anne Schimmelfennig vor den leeren Regalen. Voraussichtlich Ende der Woche werden die Möbel abgeholt. FOTO: Seybert
Geldern. Das Fachgeschäft für Lederwaren an der Hartstraße macht zu. Inhaberin Anne Schimmelfennig geht in den Ruhestand. Sie freut sich auf neue Freiheiten und endlich etwas Freizeit. Einen Nachmieter fürs Ladenlokal gibt es noch nicht. Von Sina Zehrfeld

Die Auslagen sind kahl, die Regale fast völlig leergefegt, die Schaufenster mit braunem Packpapier verklebt. Es sind die letzten Tage für das Lederstudio Bock an der Hartstraße. Voraussichtlich Ende der Woche kommt ein Abnehmer, der das Mobiliar ausräumt und die letzten Restbestände an Taschen und Portemonnaies mitnimmt - und das war's dann. Inhaberin Anne Schimmelfennig geht in Ruhestand.

Freundlichkeit und ruhigen Humor strahlt die 65-jährige Geschäftsfrau aus. "Ich gehe ein bisschen aus gesundheitlichen Gründen, ein bisschen aus Altersgründen und ein bisschen aus Internetgründen", sagt sie gelassen.

38 Jahre lang hat es das Lederwaren-Fachgeschäft Bock in Geldern gegeben. Gegründet wurde es seinerzeit an der Glockengasse, erst vor zehn Jahren ist es zur Hartstraße gezogen. Anne Schimmelfennig hat mit Ende 30 ihren damaligen Büro-Job als Export-Sachbearbeiterin quittiert, um es als Quereinsteigerin zu übernehmen.

Ihre Motivation war vor allem die Leidenschaft für die Sache: Leder, das sei einfach ein schönes Material, sagt sie. Eineinhalb Jahre lang lernte sie die Praxis von der ersten Inhaberin und Namensgeberin des Geschäftes, bevor sie das Ruder übernahm. "Da ich Leder immer geliebt habe, habe ich schnell rausgekriegt, was qualitativ wie hochwertig war", denkt sie zurück. "Ich habe viel biologisches Leder gekauft, damit nicht so viel Chemie im Umlauf ist." Ihre Freude am Umgang mit dem Naturprodukt hat sie immer bewahrt. Außerdem hat sie den Umgang mit den Kunden geschätzt, und nicht wenige sah sie aufwachsen: Als Kinder kamen sie für den ersten Schulranzen in den Laden, später für die Aktentasche. "Man hat die Generationen so erlebt", sagt Anne Schimmelfennig.

Wenn sie die Türen dichtmacht, ist im Ladenlokal an der Hartstraße erstmal Leerstand. Zwar gab es einige Interessentinnen, die mit dem Gedanken spielten, ihren Betrieb zu übernehmen, erzählt Schimmelfennig. "Aber wenn die hier waren und hören, wie viel man arbeiten muss: jeden Tag neun Stunden durchgehend, jeden Samstag, vier verkaufsoffene Sonntage, hier in Geldern noch die Straßenparty" - und sonntags müssen neue Waren geordert werden. Das sei wohl abschreckend gewesen. "Man hat wirklich fast keine Freizeit."

Hinzu kommen die hohen laufenden Kosten, Druck durch den Online-Handel und die dadurch veränderten Ansprüche der Kundschaft. Gerade die Jüngeren haben es nicht auf eingehende Verkaufsgespräche abgesehen - wenn das gewünschte Taschen-Modell nicht im Laden ist, wird rasch im Netz gekauft.

In den letzten Tagen ihres Geschäfts hat Anne Schimmelfennig noch alle Hände voll zu tun, es kommt viel Kundschaft. Sie ist froh darum: "Alles muss raus", lächelt sie. Und wenn das geschafft ist, freut sie sich auf Zeit für sich.

"Ich freue mich darauf, dass ich mal ein bisschen was für mich selbst tun kann", sagt sie. Reisen etwa: "Mal ein langes Wochenende - Freitag, Samstag, Sonntag. Das konnte ich nie", sagt sie. Sport. Selbst mal entspannt durch die Läden bummeln, statt jeden Tag neun Stunden drin zu stehen. "Es ist schön, ein bisschen Freiheit zu haben."

Quelle: RP
 
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