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Geldern
Ein Stück Freiheit auf der Bühne

Geldern. In Kooperation mit der LVR-Klinik Bedburg-Hau arbeitet das Theater Mini-Art mit verschiedenen Stationen der Psychiatrie. Von den Stationen der Frauenforensik kommen die Schauspielerinnen des neuesten Stückes. Von Matthias Grass

Sie spielen Theater im Theater: ein langer Tisch, Schauspielerinnen, die sich auf die Aufführung vorbereiten, Texte durchgehen. Schauspielerinnen, die aber auch die innere Stimme hören: "Du schaffst das nicht, Du bist unfähig, Du hast noch nie was geschafft!" Dabei saßen sie noch kurz zuvor mit dem Rücken zum Publikum, haben getratscht, Witze gemacht: "Was ist das, wenn ein Mann seine Frau 'rauswirft?", fragt eine in die Runde. "Schöner Wohnen!", klingt es im Chor zurück. Doch das kann die Selbstzweifel, die die Schauspielerinnen plagen, kaum übertünchen. Sie treten an die Rampe, zum Publikum, sprechen die innere Stimme: "Du schafft das nicht, Du bist unfähig". . .

Das Theater im Theater ist eine geschlossene Aufführung auf der Mini-Art-Bühne in der LVR-Klinik Bedburg-Hau. Zehn Forensik -Frauen aus drei Stationen mit ganz unterschiedlichen Delikten durften hier ein halbes Jahr ein Stückchen Freiheit schnuppern, durften die geschlossenen Stationen verlassen, durften vor die Fünf-Meter-Zäune treten und Theater spielen. Sie gingen mit ihren Ängsten und Nöten um, machten sie zum Thema. Die Texte zum Stück schufen die zehn Frauen selbst, erarbeiteten sie zusammen mit Sjef van der Linden und Crischa Ohler von Mini-Art, entwickelten mit den beiden das Schauspiel, das jetzt vor ausverkauftem Haus Premiere hatte. "Superwomen. Oder: Bühne frei für starke Frauen" titelt das Stück und stellt "stark sein - schwach sein" in den Mittelpunkt.

"Es war fantastisch", sagt Melanie (alle Namen von der Redaktion geändert). Die Augen unter ihrem dunklen Lockenschopf glänzen - alle seien sie da gewesen: Die Pfleger, die Stationsärzte, die Psychologen, und vor allem die eigenen Angehörigen. Alle hätten begeistert geklatscht, zwischen den Szenen kräftig gelacht. Die anderen nicken. Sie sitzen im Karree um den großen Tisch im Foyer des Theaters Mini-Art. Nachlese ist angesagt. Es gibt ein dickes Lob von den Theaterleuten: "So fleißige Schauspieler hatten wir noch nicht", sagt Crischa Ohler. Die Texte saßen - obwohl alle die Möglichkeit gehabt hätten, zwischendurch auf ein Blatt zu gucken. "Das machte die Szene ja möglich, weil wir unsichere, probende Schauspielerinnen vor der Inszenierung zeigen", sagt Regisseur Sjef van der Linden. Doch die Forensik-Frauen konnten ihren Text. "Alle haben bei dem Projekt mitgezogen", sagt Franziska und blickt zufrieden durch das wandfüllende Fenster des Foyers nach draußen ins Grüne. Es ist ein Moment still in der Runde. Alle haben mitgemacht, wiederholt sie: Die Pfleger haben beim Texte lernen beispielsweise Regieanweisungen gegeben. Trotzdem musste der Alltag der Station erst abfallen, bevor geprobt werden konnte. "Ich hab' immer zehn Minuten gebraucht, bis Melanie das erste Mal gelacht hat", sagt van der Linden. Die nickt ernst: "Wir hatten aber auch bis zum Schluss Angst, dass keiner wusste, wer wer ist und dass das Ganze schief geht", sagt sie. Dass es nicht schief gegangen ist, dass alle gekommen sind, baut auf.

"Ein solches Theaterprojekt ist ein Sahnebonbon, wenn man es begleiten darf", sagt Renate Molak. Die Diplom-Psychologin begleitete die Truppe bei fast jeder Probe, die jeweils alle zwei Wochen in das Mini-Art-Theater führte. Es sei überhaupt wichtig, dass sich die Patientinnen, die wegen verschiedener Delikte im Rahmen des Maßregelvollzuges therapiert werden, mit ihren eigenen Stärken und Schwächen auseinandersetzen. "Sich zu präsentieren, Teile der eigenen Lebensgeschichte vor einem Publikum zu offenbaren, erfordert viel Mut und kann zu einer persönlichen Weiterentwicklung beitragen. Die Frauen haben im Theaterprojekt auch ein Stück ihrer Vergangenheit aufgearbeitet", sagt Molak.

Die Frauen sollten sich eine Heldin suchen, die sie zum Vorbild nehmen: Das konnte Rihanna sein, die es so unbekümmert cool durchs Leben schafft, das konnte die Mutter oder die Großmutter sein, die unter Mühen die Kinder großzog. Oder aber sie selbst: Eine der Frauen erinnerte sich an ihre Arbeit in einem Jugendhaus, wo sie "Heldin des Alltags" war. Sie wuchs im Osten auf und habe die Erfahrung gemacht, dass der Anerkennung der Frau im Sozialismus, dem Eingebettetsein im System, ein ewiger Kampf ums Dasein im Westen gegenüberstand. Van der Linden hingegen möchte von Therapie nichts hören: "Wir machen hier Theater!", sagt er.

Die zehn Schauspielerinnen wurden gezielt von ihren Therapeuten angesprochen, ob sie bei dem Projekt mitmachen wollen. Zuvor hatte die Kreativtherapie die Kooperation mit dem Theater angeregt. Voraussetzung war, so Molak, dass die Maßregel es zuließ, dass die Patientinnen alle zwei Wochen den freien Weg übers Klinikgelände einschlagen durften.

Die Frauen bedankten sich für dieses Stückchen Freiheit mit konstanter, ernster Probenarbeit und werden das Stück im Herbst noch zweimal aufführen. Mit dem eindringlichen Schlusssatz, den alle zusammen sprechen: "Wir sind die Heldinnen, weil es uns gibt, und nicht, weil wir vollkommen sind". Danach dürfen sie sich zu Hildegard Knefs so wunderbar regnenden roten Rosen wiegen, bevor der "Vorhang" fällt und der Applaus für die Arbeit belohnt.

Quelle: RP
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