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Wachtendonk
Eine neue Heimat in "Old School"

Willkommenskultur: Diese Menschen helfen Flüchtlingen
Willkommenskultur: Diese Menschen helfen Flüchtlingen FOTO: Tinter, privat (6), Dackweile, Kaiser, evers, Miserius, Blazy (2), Strücken, Malz, Knappe
Wachtendonk. Besuch bei den Flüchtlingen, die im Wachtendonker Jugendheim untergebracht sind. Angst vor Repressalien gegen Angehörige in den Heimatländern. Bürgermeister Udo Rosenkranz fordert ein Einwanderungsgesetz. Von Michael Klatt

Samer deutet auf das Kruzifix, das an seinem Hals baumelt. "Ich bin Katholik", sagt er auf Englisch. Um letzte Zweifel zu zerstreuen, zeigt er dem Besucher wenig später ein zerfleddertes Dokument: seine Taufurkunde. Ausgestellt in Bagdad, die Stadt, in der Samer vor 24 Jahren geboren wurde. Und aus der er vor etwas mehr als einem Monat geflohen ist. "Irak, no good", sagt der junge Mann.

Wie die anderen, die im Jugendheim "Old School" in Wachtendonk vorerst eine Bleibe gefunden haben, will er nicht, dass sein Familienname in der Zeitung erscheint. Groß ist die Angst, dass Widersacher den Artikel im Internet lesen könnten und den in der Heimat gebliebenen Angehörigen Repressalien drohen. So wie bei Dadoud aus Damaskus, dem die Flucht aus Syrien über Libyen, dann mit dem Schiff übers Mittelmeer nach Italien und weiter nach Deutschland gelang. Neun alleinstehende Männer sind derzeit in "Old School" untergebracht.

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Dort, wo vor wenigen Tagen noch gebastelt wurde, befindet sich jetzt der auch als Küche genutzte Gemeinschaftsraum. Drei Elektro-Kochplatten mit je zwei Feldern, eine Mikrowelle, drei Kühlschränke, dazu Tische und Stühle - die Flüchtlinge sind froh darüber und über die Etagenbetten in den zwei Schlafräumen.

"Drei Plätze sind noch frei", berichtet Bürgermeister Udo Rosenkranz. Sollten mehr Flüchtlinge zugewiesen werden, müsste zunächst auch noch der Flur belegt werden. "Und bisher haben wir nur eine Dusche, da müssen wir noch etwas tun."

Nicht zufrieden ist Wachtendonks Verwaltungschef mit den rechtlichen Grundlagen beim Umgang mit Flüchtlingen. "Die Gesetzgebung ist überholungsbedürftig, die Bürokratie ufert aus. Wir brauchen ein Einwanderungsgesetz." Froh ist er hingegen über die Reaktion der Anwohner auf die neuen Nachbarn. "Die Menschen sind unaufgeregt und verständnisvoll." Sie haben nur um einen Ansprechpartner im Rathaus gebeten, falls mal etwas Unvorhergesehenes passieren sollte.

Die Mitglieder des ökumenischen Arbeitskreises kümmern sich intensiv um die Flüchtlinge. "Die sind ganz nah dran", weiß Claudia Holzemer-Hegger, die für die Jugendarbeit der Gemeinde zuständig ist, die zu einem geringen Teil im "Old School" weiterläuft, ansonsten aber in den Wankumer Jugendtreff verlagert wurde.

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Die Frau hat fünf bis sechs Arbeitsstunden pro Woche Zeit für Asylsuchende. "Das reicht nicht für 100 Personen", beschreibt sie das Mengenverhältnis zwischen Betreuern und zu Betreuenden. Es sei so gut, dass der ökumenische Arbeitskreis da ist. Zwischen ihm und der Gemeinde ist Claudia Holzemer-Hegger die Schnittstelle.

Ein Schützling des Arbeitskreises ist Mudin aus Tadschikistan. Der 19-Jährige lebt seit zehn Monaten in Deutschland, war vor "Old School" seit Oktober 2014 in den Containern am Wachtendonker Ostring untergebracht.

Seine nächste Station der Hoffnung ist in Rhede die Akademie Klausenhof. "Dort will ich mein Deutsch verbessern", sagt er. Und seinen Hauptschulabschluss machen. Jetzt wartet er. Wartet darauf, dass seine Anmeldung angenommen wird.

Quelle: RP
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