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Geldern
Fakten zu Beisetzungen unter Bäumen

Geldern. Wie viele Beerdigungen würde es in einer Naturwald-Ruhestätte bei Schloss Haag geben? Tauchen die Urnen jemals wieder auf? Wären Wald-Bestattungen auf dem städtischen Friedhof in Geldern eine Alternative? Von Sina Zehrfeld

Die Pläne für eine Naturwald-Ruhestätte bei Schloss Haag werden viel - und auch hitzig - diskutiert. In den Startlöchern steht als Betreiber das Unternehmen "Beyer & Bürvenich", die Politik sieht noch Klärungsbedarf.

Kompostierbare Urnen Es sollen in der Naturwald-Ruhestätte ausschließlich kompostierbare Urnen verwendet werden, die auf Basis von Maisstärke hergestellt sind und sich - so die Auskunft von "Beyer und Bürvenich" - binnen drei bis fünf Jahren vollständig zersetzen. "Der Grundgedanke ist, dass die Urnen Teil der Natur werden", sagt Paul Bürvenich. "Wer dort bestattet ist, findet endgültig seine letzte Ruhe." Bei anderen Projekten wurde die Kritik laut, menschliche Asche gehöre wegen etwaiger Schadstoffbelastungen nicht die Umwelt. Diese Ansicht ist aber umstritten.

Kennzeichnung der Grabstätten Die Namen und Lebensdaten der Verstorbenen würden auf einheitlichen Plaketten an den Bäumen vermerkt. Möglich sind auf Wunsch religiöse Symbole auf den Tafeln. Anonyme Bestattungen soll es nicht geben. Eine Übersicht am Eingang zum Wald soll die Bestattungsorte auffindbar machen. Besucher, die nicht gezielt nach einem Bestattungsbaum suchten, sollten "einfach einen schönen Wald" erleben, so Paul Bürvenich.

Belastung umliegender Straßen Die Investoren von "Beyer & Bürvenich" rechnen mit 155 Bestattungen pro Jahr. Vor allem der Bartelter Weg würde durch den anfallenden Autoverkehr belastet. "Beyer & Bürvenich" schlagen vor, ihn mit Ausweich-Buchten für Begegnungen im Gegenverkehr zu erweitern.

Lebensdauer der Bäume Nicht alle Bäume werden uralt. Die Sorge: Sie könnten viel früher absterben, als die Käufer eines Begräbnisplatzes das erwarteten. Man werde aber nur Bäume nutzen, die wirklich eine lange Lebenserwartung hätten, verspricht Paul Bürvenich. Sollten Blitzschlag, Wind oder Krankheitsbefall dazwischenkommen, könne es in Absprache mit den Käufern Ersatzpflanzungen geben.

"Platz" für tausende Gräber Zunächst sollen etwa siebeneinhalb Hektar Wald genutzt werden. Die Investoren rechnen damit, dass pro Hektar - ein Hektar sind 10.000 Quadratmeter - rund 100 für Beisetzungen geeignete Bäume stehen. Davon würden zehn als "Partnerbäume" für nur zwei Urnen angeboten, die übrigen wären für bis zu zwölf Bestattungen zu brauchen. Das heißt: Auf siebeneinhalb Hektar könnten eines Tages 8250 Menschen begraben liegen.

Diese Grabstätten würden aber erst Laufe der Jahrzehnte genutzt. Beim Ansatz von 155 Bestattungen pro Jahr gehen die Investoren vom Durchschnittswert anderer Bestattungswälder aus. Das sei für Geldern "ein Wert, der eher moderat kalkuliert ist, auch, wenn es erst mal einen Gewöhnungsphase geben könnte", sagt Paul Bürvenich.

Rücklagen Für den Fall einer Insolvenz will die Firma Rücklagen anlegen, auf die die Stadt Geldern als Trägerin der Naturwald-Ruhestätte zurückgreifen könnte. Dieser Anspruch kam aus der Politik. Wieder legen die Investoren Durchschnittszahlen anderer Wälder zugrunde und glauben, dass pro Jahr - bei 155 tatsächlichen Bestattungen - insgesamt 767 Ruhestätten verkauft werden, und zwar in Form von vielen Reservierungen für die Zukunft. So könne man im Laufe von 13 Jahren ein Rücklagen-Konto mit einem Sockel von 250.000 Euro füllen. Die Anfangsfläche von 7,5 Hektar müsste demnach übrigens nach rund elf Jahren erweitert werden. Politik und Verwaltung wollen noch beurteilen, was sie von der Rechnung und dem Wert von 250.000 Euro halten.

Arbeitsplätze Für den Naturwald würden bei "Beyer und Bürvenich" eine Vollzeit- und eine Teilzeitstelle in der Verwaltung sowie drei Teilzeitstellen für Pflege und Unterhaltung der Anlage geschaffen.

Alternative: der "Friedhofs-Wald" Die Stadt Geldern hat eine eigene Idee für ein Wald-Bestattungs-Angebot: Am Gelderner Friedhof ist ein 3100 Quadratmeter großes Wiesen-Areal frei. Davon sollen zunächst einmal 1400 Quadratmeter für Urnen-Beisetzungen unter Bäumen aufgeforstet werden. Allein von der Größe wäre die Anlage mit einer Naturwald-Ruhestätte also nicht vergleichbar. Auch auf dem kleineren Gelände könne man aber "gut einen waldähnlichen Charakter herstellen", betont Johannes Dercks von der Stadt Geldern. Perspektivisch würde zudem ein angrenzender, über ein Hektar großer Bereich des Friedhofs einbezogen, auf dem jetzt schon stattliche, alte Bäume stehen.

Die Gestaltung Für die konkrete Gestaltung eines Wald-Bereichs am Friedhof gibt es erst grobe Ideen: Schöne Bäume unterschiedlicher Art, Wildblumen, gepflasterte Wege sind angedacht. Die Gräber könnten - so erste Vorschläge - durch Platten auf dem Erdboden oder gravierte Steine gekennzeichnet werden. Plaketten an den Bäumen wären prinzipiell möglich. Aber, gibt Dercks zu bedenken: "Die Bäume wachsen ja" - da halten Tafeln nicht gut.

Finanzielle Argumente Jedem solle klar sein, dass der "Beyer & Bürvenich"-Wald ein kommerzielles Angebot wäre, meint Bürgermeister Sven Kaiser: "Ein Privater macht das nicht aus Nächstenliebe. Der will damit Geld verdienen." Die Stadt hingegen darf mit Gebühren keine Gewinne machen. Eigentümer des Waldes bei Schloss Haag ist Niklas Graf von und zu Hoensbroech.

Info-Abend der Investoren Eine Info-Veranstaltung von "Beyer & Bürvenich" ist am Donnerstag, 3. Dezember, 19 bis 21.30 Uhr, im Restaurant auf Schloss Haag. Eine Ortsbegehung ist für Samstag, 5. Dezember, ab 10.30 Uhr, geplant.

Quelle: RP
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