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Issum
Flüchtlingsfamilie sucht ein Zuhause

Issum: Flüchtlingsfamilie sucht ein Zuhause
Ehepaar Radermacher mit der Flüchtlingsfamilie Sherzad. Die Issumer helfen der syrischen Familie auch bei der Suche nach einer Wohnung. FOTO: G. Seybert
Issum. Aus ihrer bisherigen Unterkunft müssen Vater, Mutter und drei Kinder bald raus. Sie erleben hautnah, wie schwierig es ist, als Ausländer eine Wohnung zu finden. Dabei tun sie alles, um sich integrieren zu lassen. Von Bianca Mokwa

Eigentlich könnte Kasm Ahmad Sherzad glücklich sein. Seine Familie ist in Sicherheit. Gemeinsam mit seiner Frau ist er vor dem Krieg in Syrien geflüchtet. Ein Jahr und neun Monate sind sie in Issum, im Oktober vergangenen Jahres ist das jüngste Familienmitglied auf die Welt gekommen.

Aber über der fünfköpfigen Familie brauen sich Sorgenwolken zusammen. Sie müssen aus ihrer bisherigen Unterkunft auf dem Kullenweg in Issum raus. In dem angemieteten Haus der Gemeinde wohnen sie mit einer weiteren Familie und zwei Einzelpersonen. Zunächst hatte ein Schreiben vom Jobcenter im Kreis Kleve für Verwirrung gesorgt. Demnach wurden die Benutzungsgebühren plötzlich zu hoch. Laut Berechnung lagen die bei 1497,94 Euro, das Jobcenter übernimmt aber nur 790 Euro. Das war kurz nach der Geburt des jüngsten Familienmitglieds. Denn pro Person erhob die Gemeinde eine Benutzungsgebühr für die zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten in Höhe von 230 Euro, egal wie jung (Säugling) die Person ist.

Die Benutzungsgebühr, die setze sich aus den Kosten zusammen, die die Gemeinde durch die Anmietung und Einrichtung der Unterkünfte für Flüchtlinge und Obdachlose habe, erklärt Susanne Hackstein von der Gemeinde Issum. Das sei zugegebenermaßen eine sehr komplexe Sache, weil auch viele verschiedene Gesetze zusammenkommen. Die Gemeinde hat allerdings zum 1. Januar 2017 einiges geändert. Um eben nicht mehr über die höchst angemessenen Kosten zu kommen, werden nicht mehr pauschal 230 Euro Benutzungsgebühren erhoben, im Fall einer fünfköpfigen Familie werden die auf 790 Euro gedeckelt. Dann passt das wieder mit dem, was das Jobcenter zahlt.

Familie Sherzad muss trotzdem aus dem Haus am Kullenweg raus, in dem sie seit über einem Jahr lebt. Sie sind anerkannte Flüchtlinge und deswegen müssen sie sich ein eigenes Zuhause suchen und Platz für diejenigen machen, deren Asylverfahren noch in der Schwebe ist. "Wir werden sie solange unterbringen, bis sie angemessenen Wohnraum haben", verspricht Susanne Hackstein. Auf die Straße gesetzt werden sie also nicht, etwas Neues finden müssen sie aber.

In dem Schreiben des Jobcenters steht der Hinweis, dass in der Gemeinde Issum unter anderem die Tageszeitung zugestellt wird. "Da diese Wochenblätter regelmäßig auch eine Rubrik ,Mietangebote' enthalten, dürfte es Ihnen ohne größeren Kostenaufwand möglich sein, diese Angebote zu sichten" steht in dem Schreiben. Das befreundete Ehepaar Manfred und Renate Radermacher hat das für die syrische Familie Sherzad schon getan. Auf einem Zettel hat Manfred Radermacher in Frage kommende Wohnungen aufgelistet. Drei Zimmer sollte das neue Zuhause haben, überlegt er laut. Ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein Kinderzimmer. Die beiden Jungs Zerak und Jegger könnten im Etagenbett schlafen, der Jüngste, Kasm, bei seinen Eltern.

Viele Wohnungen stehen nicht auf dem Zettel. Die Suche war bisher erfolglos. "Viele Wohnungen waren zu klein, andere wollten statt einer jungen Familie lieber an ein älteres Ehepaar vermieten", sagt Manfred Radermacher enttäuscht. Wie soll das gehen, überlegt er, wenn die syrische Familie auf sich allein gestellt wäre. Die jüngste Studie vom Spiegel und Bayrischem Rundfunk machte deutlich, dass schon ein fremdländischer Name den Erfolg auf dem Wohnungsmarkt verhindert. Wenn die Aussprache dann noch anders klingt, ganz zu schweigen. Dabei macht das Ehepaar aus Syrien viel dafür, um integriert zu werden. Die beiden ältesten Jungen gehen in den Arche-Noah-Kindergarten, Vater Kasm Ahmad Sherzad arbeitet morgens auf 450-Euro-Basis beim Issumer Unternehmer van Stephaudt als Schweißer und geht nachmittags zum Integrationskursus. Nicht nur deswegen ist es für die Familie wichtig, in Issum zu bleiben und vielleicht Wurzeln zu schlagen.

Manfred Radermacher kann das gut verstehen. "Wir waren auch auf der Flucht", sagt der 78-Jährige. "Wir kamen aus dem Sudetenland, aus dem Osten, und sind nach dem Zweiten Weltkrieg geflüchtet. Ich weiß, was es heißt, irgendwo anzukommen und neu anzufangen." Deswegen hilft er.

Kennengelernt haben sich das Issumer Ehepaar und die syrische Familie im Oktober 2015. "Der saß da ziemlich verloren und verfroren. Ihm war kalt, da hab' ich ihm meine Jacke gegeben", sagt Manfred Radermacher über sein erstes Zusammentreffen mit dem syrischen Familienvater beim Café International. "Das werde ich nie vergessen", sagt der.

Gemeinsam hoffen sie, dass die syrische Familie endlich ein Zuhause findet und Wurzeln schlagen kann. Wer weiterhelfen will, kann sich beim Ehepaar Radermacher melden, Telefon 02835 3603.

Quelle: RP
 
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