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Gelderland
Die ersten 100 Tage der Bürgermeister

Gelderland. Die neu gewählten Rathauschefs von Geldern, Kevelaer, Issum und Wachtendonk ziehen eine Bilanz. Auch unsere Redakteure haben ein Zwischenfazit gezogen.  Von Michael Klatt, Lutz Küppers, Sebastian Latzel und Sina Zehrfeld

Sven Kaiser

Das sagt Gelderns Bürgermeister:
Wie es so läuft im neuen Amt? Sven Kaiser sagt: "Noch besser als erwartet." Er sei allenfalls positiv überrascht worden von der Vielfalt des Jobs. Von den tagespolitischen Themen bis zum allgemeinen Verwaltungsgeschehen gebe es nichts, was ihn stört, und für die Mitarbeiter ist er voll des Lobes: "Die Verwaltung läuft super, das muss man wirklich sagen." Einen ersten Stempel habe er dem Verwaltungshandeln in Sachen "Integriertes Handlungskonzept" aufgedrückt: Kaiser hat einen Projektleiter benannt, bei dem nun alle Fäden zusammenlaufen. Zuvor waren die Planungen im Amt für Stadtentwicklung "nebenbei" mitbetreut worden. Ein Meilenstein ist es für ihn, dass die Verhandlungen um den alten Woolworth-Bau in der Innenstadt erfolgreich zu Ende gegangen sind: "Da bin ich erleichtert und froh." Am Standort will bekanntlich die Modekette H & M eröffnen. Die Planungen dazu laufen schon lange, aber dennoch – gut, dass die Sache jetzt über die Bühne gegangen ist, findet Kaiser.

Das sagt die Redaktion:
Sven Kaiser lebt sich ein im Rathaus. Bei den Bürgern kommt er schon mal ganz gut an mit seiner regelmäßig demonstrierten Offenheit. Auch im Kontakt mit der Politik scheint er sich – so wie zuvor versprochen – um Kompromisse und Konsens zu bemühen. Was nicht ganz so offen thematisiert wird: Natürlich hat der Wechsel an der Stadtspitze bei den Mitarbeitern der Stadtverwaltung auch Unsicherheiten ausgelöst.

Dominik Pichler

Das sagt Kevelaers Bürgermeister:
Den ersten Aufschlag findet Dominik Pichler "in Ordnung". Es sei schwierig, sich selbst zu bewerten, aber er habe den Eindruck, dass der Start gelungen sei. Er hätte sich den Einstieg schwieriger vorgestellt. "Aber es wurde mir auch sehr leicht gemacht, weil ich hier in der Verwaltung von allen freundlich und offen empfangen worden bin", sagt er. Die Zusammenarbeit funktioniere, er habe auch den Eindruck, dass die Mehrheit der Bürger ihn inzwischen akzeptiert hat. Er habe lernen müssen, dass man nicht immer gewinnen könne. Mit einer Änderung der Geschwisterregelung bei den Kindergartengebühren konnte er sich nicht gegen die Mehrheit durchsetzen. "Das muss ich akzeptieren, aber das war mir vorher klar. Insgesamt hätte ich aber mit mehr Widerstand von der CDU gerechnet", sagt Pichler. Wichtig ist aus seiner Sicht, dass der Haushalt jetzt durchgebracht wird. Wichtig sei aber auch, dafür zu sorgen, dass die Themen "Hüls", "Handlungskonzept" und "Asyl" nicht alles andere in den Hintergrund drängen.

Das sagt die Redaktion:
Inzwischen haben sich viele Kevelaerer an den Anblick gewöhnt: Ein Bürgermeister mit langem Zopf, der bei Terminen auch gerne mal einen Hut trägt, ist der neue Chef im Rathaus. Es ist eine dicke Überraschung gewesen, dass Pichler die Wahl gewonnen hat. Wer gedacht hat, dass damit reine SPD-Politik ins Rathaus einzieht, sieht sich getäuscht. Pichler stimmt (wie beim Rathaus-Neubau) auch mal gegen die eigene Fraktion.

Clemens Brüx

Das sagt Issums Bürgermeister:
Dass es für Clemens Brüx ein Sprung ins kalte Wasser werden würde, war dem Issumer klar: "Ich hatte aber darauf gehofft, mich ein wenig einarbeiten zu können. Doch die harte Tagespraxis, vor allem durch die angespannte Flüchtlingssituation bestimmt, hat mich anfangs schon etwas überrascht und auch ein wenig überrollt." Das sei aber keinesfalls schlimm und der Job mache viel Spaß. Doch die Ratschläge von Vorgänger Gerhard Kawaters, der ihm eine Art Liste für seine ersten Aufgaben als Bürgermeister hinterlassen hatte, die schlummert unangetastet in einer Schreibtischschublade. Brüx pflegt einen offenen Führungsstil, bespricht sich jeden Tag mit seinen Fachbereichsleitern, die er allesamt duzt. "Alle Mitarbeiter, die ich vorher geduzt habe, spreche ich auch weiter so an", sagt Brüx. Ansonsten würde sich das für ihn falsch anfühlen. Ansonsten gilt für ihn das Prinzip "Fördern und Fordern", was die Kollegen angeht. Außerdem hat er sich aufgrund seiner Wertschätzung für die circa 100 Mitarbeiter auf die Fahnen geschrieben, dass er gar nicht erst versuchen will, alles selbst zu erledigen.

Das sagt die Redaktion:
Brüx spricht die Sprache vieler Bürger, ist trotz des Amts inklusive gestiegener Verantwortung nicht abgehoben. Dafür ist er aber auch kein Typ. Er passt zu einer kleinen Kommune wie Issum, wo das Repräsentieren nicht im Vordergrund steht. Aus CDU-Reihen, die die Bürgermeisterwahl verloren haben, gibt es noch Gegenwind. Doch das wird sich legen.

Hans-Josef Aengenendt

Das sagt Wachtendonks Bürgermeister:
Er habe vieles so vorgefunden, wie er es sich vorgestellt habe, sagt Wachtendonks Bürgermeister Hans-Josef Aengenendt. Durch seine Tätigkeit in Vereinen und Verbänden kannte er viele Zusammenhänge vor Ort. "Das hat vieles erleichtert." Trotzdem war natürlich eine Umstellung nötig. Erst der Besuch eines dritten Schuljahres, dann Verwaltungskonferenz, dann Besuch bei einem Altersjubilar, abends Ratssitzung – so sieht ein möglicher Tagesablauf aus. "Stressig, aber es macht Spaß." Gerade in einer kleinen Verwaltung wie Wachtendonk sei von allen mehr Flexibilität erforderlich, weiß der neue Rathaus-Chef. Er versuche, sagt Aengenendt, überall Präsenz zu zeigen und offen auf die Leute zuzugehen. Er sieht sich als Bindeglied zwischen Politik und Verwaltung, will moderierend positiv begleiten, alle einbinden und gemeinsam die beste Lösung finden. "Bisher habe ich nichts Negatives erfahren", resümiert Aengenendt. Sein Angebot für offene Gespräche sei von Bürgern schon angenommen worden.

Das sagt die Redaktion:
Aengenendt versteht sich als Team-Spieler, betont das gemeinsame Handeln. Diese Ankündigung setzt er, so sieht es aus, in die Tat um. Nüchtern und sachlich, diese Prädikate prägen die Arbeit. Für "große Würfe" ist angesichts der Haushaltslage und drängender Probleme wie der Flüchtlingsunterbringung auch kein Platz. Abzuwarten bleibt, ob das "Wir-Gefühl" die ersten ernsthaften Auseinandersetzung überbesteht.

 

 

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