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Geldern
Glück als Fach

Geldern. Am Berufskolleg der Liebfrauenschule gibt es für Glück Noten. Lehrerin Annika Unger setzte die Idee von Glücksforscher Ernst Fritz-Schubert um. Schulleiter Bernd van Essen spricht von Lebens- und Berufsorientierung. Von Bianca Mokwa

Wenn demnächst Glück auf dem Zeugnis von 19 Mädchen und vier Jungs im Gelderland steht, dann ist damit nicht so etwas wie "viel Glück" gemeint. Stattdessen steht dahinter eine handfeste Note. Denn Glück gab es in diesem Schuljahr erstmals als Fach am Berufskolleg der Liebfrauenschule in Geldern. Lehrerin ist Annika Unger.

Die Idee packte sie vor drei Jahren, als sie einen Zeitungsartikel über Ernst Fritz-Schubert las. "Der war Rektor an einem Heidelberger Berufskolleg und hat eine Umfrage über die Zufriedenheit der Schüler gestartet", sagt sie. "Leider kam er zu der Erkenntnis, dass viele Schüler unter Schulangst und Stress leiden."

Fritz-Schubert ist nicht bei dieser Erkenntnis stehen geblieben, sondern hat überlegt, was man dagegen machen könnte. An seiner Schule in Heidelberg hat er ein Pilotprojekt gestartet, das Fach Glück durch alle Ministerkonferenzen bekommen und ein Institut gegründet.

Unger absolvierte ein Jahr lang eine Ausbildung in Form von Wochenendseminaren und holte das "Glück" nach Geldern. "Ich dachte, das gehört auch zu meiner Philosophie des Unterrichtens. Ich möchte mehr als nur Wissen vermitteln", sagt die Pädagogin, die unter anderem Mathematik unterrichtet. Das Fach Glück forderte großes Umdenken. "Es ist eine ganz andere Unterrichtsweise. Als Mathematiklehrerin gucke ich nach Fehlern. Hier will ich nach Schätzen suchen, die in den Schülern sind." Schulleiter Bernd van Essen hat sie unterstützt. Allerdings habe er am Anfang auch erst einmal geschmunzelt, gibt er zu. "Ich habe wahrscheinlich das gedacht, was viele zuerst denken", sagt er: "An die Waldorfschule." Als er aber hörte, dass dieses Fach an einem Berufskolleg entwickelt worden ist, war seine Neugier geweckt.

Der Schulleiter spricht von einer fächerübergreifenden Wirkung. Angeboten wird "Glück" am Berufskolleg der Liebfrauenschule in Geldern als Wahlfach im Differenzierungsbereich. Das bedeutet, mit einer "Fünf" im Fach Glück kann keiner sitzen bleiben. Aber eine schlechte Note kann es natürlich trotzdem geben: "Wir haben schon gescherzt, es dann Pech zu nennen", sagt van Essen.

Ein Blick in den Unterricht. Es sei "kein normaler Unterricht", sagt Schülerin Tanita Mankow. Es gibt kein ständiges Sitzen am Tisch, keine Hausaufgaben und kein Lehrbuch. "Ich wollte einfach wissen, ob es eine Definition von Glück gibt", nennt Johannes Beitz den Grund für seine Fächerwahl. Behandelt wurden verschiedene, auch sehr persönliche Definitionen von Glück. Es wurde aber auch ein Blick auf andere Gebiete geworfen, etwa Genetik. Mitschüler Niklas Roelofs war überrascht, dass Glück vererbbar ist. Amerikanische Forscher hatten das Glücksgen gefunden. Eine andere Unterrichtseinheit verbrachten die Schüler auf dem Trampolin springend. "Es geht um mutig sein, sich überwinden", erklärt Lehrerin Unger, warum diese Sporteinheit eingelegt wurde. Praxis, nicht nur Theorie, ausprobieren statt büffeln, lautet die Devise. "Ich finde, das Fach ist nicht für jeden etwas. Man muss offen sein und sich darauf einlassen", sagt Mitschülerin Luisa Stüttelberg. Sie fand die Konzentrationsübungen, die ihnen Unger im Unterricht beigebracht hat, hilfreich. "Die sind extrem praktisch, weil wir uns so auf unsere Prüfungen mental vorbereiten können", sagt die Schülerin. Da kommt die fächerübergreifende Wirkung ins Spiel, von der Schulleiter van Essen sprach. Beim Fach Glück werden die von Unternehmen oft verlangten "Soft Skills" ausgebildet, also soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Leistungsbereitschaft und gesunde Selbsteinschätzung. So ein Wahlfach gebe ein Stück Lebens- und Berufsorientierung. "Das finde ich auch gut so, dass es so ist", sagt van Essen. Dass es kein Absitzen von Unterrichtszeit ist, zeigt die Notenverteilung. Von "Sehr gut" bis "Ausreichend" reichen die Noten in diesem Schuljahr. "Einige Schüler waren sehr aktiv im Unterricht", sagt Unger, andere eben nicht. "Ich nehme mit, dass man alles schaffen kann, wenn man an sich selber glaubt", nennt Ina Stoffelen ihre persönliche Essenz aus einem Jahr mit dem Fach Glück. "In sich gehen, mehr auf sich selbst hören", das habe er gelernt, sagt Johannes Beitz. "Nicht mit dem Mainstream schwimmen", aber oft gingen solche Überlegungen im Alltag unter, sagt der 18-Jährige. Für solche Erkenntnisse ist das Fach Glück gut. "Man hätte es auch praktische Philosophie nennen können", sagt der Schulleiter. Aber das klingt dann nicht ganz so schön.

Quelle: RP
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