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Kerken
Hilfsgüter aus Kerken für Frankreichs Flüchtlinge

Kerkener bringen Spenden für Flüchtlinge nach Frankreich
Kerken. Sechs Aldekerker wollen schnell und unkompliziert helfen: Sie haben Spenden für die Flüchtlinge in den riesigen Lagern in Frankreich gesammelt - und sie direkt selbst nach Calais gebracht. Die Rheinische Post hat sie dabei begleitet. Von Christoph Kellerbach (Text & Fotos)

Es ist kurz vor 6 Uhr, als mein Wecker klingelt. Heute wird nicht nur ein wichtiger, sondern auch ein langer Tag. Nachdem die RP über die Aktion der Bürgervereinigung Kerken (BVK) berichtet hat, bei der Anfang März, drei Kerkener an die französische Küste gefahren sind, um gesammelte Hilfsgüter direkt zu den Bedürftigen zu bringen, haben die Menschen im Gelderland viel für die Flüchtlinge gespendet. Unglaublich viel.

So viel, dass die Helfer alles gar nicht unterbringen können und deshalb die Sachen schnell wieder nach Frankreich bringen möchten. Zu dieser Fahrt bin ich eingeladen worden und mache mich um etwa 7 auf den Weg zu Andreas Vallen in Aldekerk. Er ist Mitglied der BVK und hat, wie bei der ersten Spendenreise, zum Transportieren der Spenden einen Sprinter von seiner Arbeitsstelle, der Deutschen Post, geliehen bekommen. Es fahren noch seine Frau Petra und die ebenfalls ehrenamtlichen Helfer Simone van de Paß und Karl Brauers mit.

Brauers hat noch einen zweiten Lieferwagen von der Firma Herbrand für diesen Tag bekommen. Norbert Weiler von der Flüchtlingshilfe Kerken hilft mit seinem Auto samt Anhänger aus. Nathalie Meyer vom DRK ist die siebte und letzte Mitfahrerin.

Wir alle machen uns gegen 8 Uhr auf den langen Weg nach Calais. Gute vier Stunden fahren wir erst durch die Niederlande und dann ganz Belgien. Wir haben Glück, dass wir nur einmal in einem Stau stehen.

Nach einer Pause sind wir etwa um 13.15 Uhr in der Verteilerstelle für Spenden in Calais, die "L'Auberge des migrants". Dort helfen rund um die Uhr engagierte Ehrenamtliche aus aller Welt, um die Hilfsgüter zu sortieren und dann den beiden Lagern in Calais (5000 Geflüchtete) und Dünkirchen (2500 Flüchtlinge) zuzuteilen. Bei der Spenden-Sammelstation redet sich jeder nur mit Vornamen an.

Alle sind vereint in ihrem Wunsch, Gutes zu tun. Eine Frau namens Alex aus Würzburg organisiert die verschiedenen Sortierungsstellen und sorgt dafür, dass in Windeseile die beiden Lieferwagen und der Anhänger ausgeräumt werden. Vor Ort ist auch die junge Medizinstudentin Amy aus dem englischen Cambridge, die mitsamt ihrer Familie für drei Tage vorbei gekommen ist, um bei der Verteilung zu helfen. Zwischen 75 und 100 Personen arbeiten täglich hier, um die Flüchtlinge mit neuen Sachen zu versorgen. "Die Vorsortierung ist wichtig, damit die Leute in den Lagern damit nicht auch noch Probleme haben und so zumindest etwas von ihrer Menschenwürde zurückbekommen", erklärt Alex.

Es werden vor allem Decken und Kleidungsstücke für Männer gebraucht. Voll ist im Gegensatz die Lagerfläche, wenn es um Spielzeug und Bekleidung für Kinder geht. Alex gibt uns den Rat, unsere Kindersachen bei der Caritas-Stelle in Calais abzugeben. Dort ist leider gegen 14 Uhr niemand vor Ort, also stellen wir die restlichen Hilfsgüter einfach vor ihrer Haustür ab. Etwa eine Viertelstunde später sind sämtliche Spenden verteilt.

Unser nächstes Ziel ist das Flüchtlingslager in Calais. Auf dem Weg dorthin fallen immer wieder kleinere Gruppe von Flüchtlingen auf, die ziellos durch die Landschaft laufen, sich in Waldgebieten zusammenrotten und einfach in der Gegend herumsitzen. Andreas Vallen erklärt mir, dass "alle befürchten, dass, wenn sie einmal drin sind, sie nie wieder herausgelassen werden". Vielleicht ist diese Sorge auch berechtigt, da das großangelegte Camp in Calais extrem scharf von der Polizei bewacht wird. Von weitem sind im Wind flatternde Zeltkonstruktionen und Menschenmassen zu sehen. Alles ist abgeriegelt und ein Durchkommen nicht möglich. Um 15.30 Uhr geben wir auf, einen genauen Blick auf das Camp werfen zu wollen. Die Anderen fahren nach Hause, aber Andreas und ich machen uns auf zum zweiten Lager in Dünkirchen, das kurz nach der ersten Frankreich-Fahrt der Kerkener eröffnet wurde.

An jenen Ort wurden die dortigen Flüchtlinge umgesiedelt. Sie wohnen nun in Holzhütten statt in Zelten, und es ist auf den ersten Blick das komplette Gegenteil von Calais: Nur ein Polizeiwagen steht vor dem Lager und die Wachtmeister spielen alle Uno. Andreas Vallen ist erleichtert, zu sehen, dass die Leute nun in Dünkirchen "endlich ein deutlich menschenwürdigeres Leben haben". Wäsche hängt an Leinen, Kinder spielen fröhlich mit- einander und eine deutlich lockere Atmosphäre bestimmt das Gesamtbild.

Um 16.30 Uhr verlassen wir das Camp. Andreas möchte mir noch den Platz des ersten Dünkirchener Lagers zeigen. Gegen 17.10 Uhr sind wir da. Der Ort liegt direkt gegenüber einer Neubausiedlung.Jetzt gleicht das verlassene Lager eher einer matschigen Mülldeponie voll Unrat, die gerade von zahlreichen Helfern aufgeräumt wird.

Gegen 17.30 Uhr machen sich Andreas und ich wieder auf den langen Rückweg nach Deutschland und bleiben natürlich im Abendverkehr auf der Autobahn erst einmal stecken. Ich nicke auf dem Weg zweimal ein. Wir fahren bis Duisburg, um den Post-Sprinter wieder zurückzugeben.

Schließlich fahren wir nach Aldekerk, wo mein Wagen steht. Andreas resümiert: "Das war heute wieder ein sehr ereignisreicher Tag. Wir haben viel erlebt und einige nette neue Menschen kennengelernt. Und wir haben gesehen, dass sich auch für die Flüchtlinge etwas positiv verändert hat. Mein persönliches Fazit für heute: Wir haben das Richtige getan und uns jetzt einen schönen Feierabend verdient." Dem gibt es eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Als ich gegen 22 Uhr in mein Auto einsteige, bin ich verdammt müde, möchte nach Hause und freue mich auf eine warme Dusche und mein Bett. In dem Moment fallen mir die Flüchtlinge und ihre Lage wieder ein - und ich mache mich nachdenklich auf den Weg...

Quelle: RP
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