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Straelen
Ich war König Drosselbart

Straelen: Ich war König Drosselbart
Florian Maaßen im vollen Ornat, nur ohne künstliches Kinn. Als Königssohn, Bettler und betrunkener Husar stand er auf der Bühne. FOTO: Seybert
Straelen. Florian Maaßen steht gerne auf der Bühne. So wurde er im Theaterverein zum Märchenprinzen - ein Erfahrungsbericht. Von Florian Maaßen

/ Kreis KLeve Es ist dunkel. Meine Hände zittern. Das Blut schießt durch meine Adern. Plötzlich ein helles Licht, das auf mich gerichtet ist. Und hunderte Augen gucken mich an. Denn ich bin König Drosselbart.

Drei Monate vorher. Ich erfahre, wer bei uns im Theaterverein Straelen im Wintermärchen mitspielt. Es bildet sich eine neue Truppe, die ich die nächsten Monate noch oft sehen werde. Wir zeichnen uns durch diverse Altersklassen aus: Mit 17 bin ich der jüngste Schauspieler mit Sprechrolle, der älteste ist 55. Das gibt mir die Möglichkeit, neue Sichtweisen kennenzulernen.

Als König Drosselbart muss ich nicht nur einen Königssohn spielen, sondern auch einen Bettler und einen betrunkenen Husar. Das soll sich noch als schwierig erweisen.

Wir proben in einem kleinen Raum, nicht vergleichbar mit der richtigen Bühne. Also werden alle Laufwege später auf der Bühne anders sein. Wir treffen uns zweimal pro Woche, dienstags und donnerstags um 19 Uhr. Und jedes Mal hoffe ich, dass die Probe nicht zu lange dauern wird, denn am nächsten Tag muss ich wieder früh zur Schule.

Nebenbei lerne ich den Text auswendig. Zwischen technischen Formeln und dem dramatischen Aufbau von Macbeth verirren sich manchmal Phrasen aus dem Märchen in meinen Kopf. Und immer wieder habe ich das Textheft in der Hand. Egal ob abends vor dem Schlafengehen oder morgens im Bus nach Hamburg zur Abifahrt.

Bei dem Lernen meines Textes stelle ich mir immer vor, wie ich diesen Abschnitt spielen werde. Und spielen kann. Denn gerade als betrunkener Husar muss ich mich zurückhalten, da wir für Kinder spielen und die ja keine Angst bekommen sollen. Es heißt, sich nicht komplett in den Charakter fallen zu lassen, sondern immer das Gespür für die Tragweite meiner Worte zu behalten.

In der Woche vor der ersten Aufführung wird die Bühne im Forum des städtischen Gymnasiums Straelen aufgebaut. Dabei unterstütze auch ich als Schauspieler unsere technische Abteilung. Während es vorher noch körperlich nicht wirklich anstrengend war, geht es nun zur Sache. Es müssen eine Vorbühne, Bühnenelemente, Kostüme und Requisiten ins Forum getragen, die Kulisse und die Technik aufgebaut werden. Erst als die Bühne steht, sehe zum ersten Mal das Schloss, den Markt und das Haus des Bettlers. Ich bekomme Gänsehaut.

Endlich können auch die Laufwege final besprochen werden. Und ein paar Probleme zeigen sich erst jetzt: Als ich in voller Montur des Bettlers auftrete, verabschiedet sich meine Hose. Aber Pannen passieren immer bei der Generalprobe, und jeder ist darum froh, denn es gilt: Je schlechter die Generalprobe, desto besser die Premiere.

Nach diesen Tagen bin ich froh, wenn ich ins Bett kann. Aber genau dann fängt die Aufregung an: Kann ich meinen Text? Kann ich die Laufwege? Klappt das alles zeitlich mit dem Umziehen?

Der Tag der Premiere ist andauernder Stress. Als erstes gehe ich in die Maske, die bei mir besonders aufwändig ist: Ich bekomme ein Latex-Kinn angeklebt. Ein Kinn, durch das ich zwei Sachen gelernt habe. Erstens: Es nervt, irgendwas im Gesicht kleben zu haben. Zweitens: Unter Latex kann es sehr warm werden. Mit dem Kunst-Kinn ausgestattet ziehe ich mein Kostüm an, und für das Mikrofon werde ich noch verkabelt. Dann geht es los. Das Licht, die Zuschauer - mich ergreift das überwältigende Gefühl, auf der Bühne zu stehen. Zwischen den Szenen jedoch renne ich hinter der Bühne hin und her, um das Kostüm zu wechseln. Das muss alles möglichst leise und schnell passieren.

Irgendwann ist es geschafft, das Stück ist vorbei, und wir verteilen am Ausgang Eis an die Kinder. Sie gucken mich fasziniert an. Und ich freue mich, dass sie eine schöne Zeit hatten. Aber sobald sie weg sind, muss die komplette Bühne wieder auf Null gesetzt werden, ich ziehe mich schon wieder um, denn an eine Vorstellung schließt sich direkt die nächste an - alles geht wieder von vorne los. Ein paar Tage lang geht das so, es kommen noch sieben Vorstellungen.

Das Schlimmste dabei: Morgens spielen wir für Kindergärten. Um alles vorzubereiten, muss ich um 6.30 Uhr da sein. Für mich als Morgenmuffel bedeutet das, mitten in der Nacht aufstehen zu müssen. Zumindest gibt es ein großes Frühstück für uns alle.

So vergehen die Tage. Bei der letzten Aufführung habe ich dieses mulmige Gefühl. Ich weiß, dass es bald zu Ende geht und ich meine Mitspieler nicht mehr so oft sehen werde in nächster Zeit.

Wenn der letzte Zuschauer das Forum verlässt, wird aufgeräumt und zusammengepackt. Die Schauspieler hängen ihre Kostüme ordentlich auf, so dass sie zurück in den Fundus gebracht werden können. Die Kulisse wird abgebaut und in einen Anhänger geladen. Nach stressigen Tagen gehe ich entspannt nach Hause, lege mich kurz hin - und gehe wieder in die Schule. Und dann sitze ich da im Unterricht und fühle mich deplatziert. Hingesetzt in eine Welt, die mir nach den letzten Tagen ganz fremd erscheint.

Quelle: RP
 
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