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Straelen
"Jede Sprache hat ihre eigene Schönheit"

Straelen: "Jede Sprache hat ihre eigene Schönheit"
Margherita Carbonaro im Europäischen Übersetzerkollegium. Dort arbeitet sie an der Übersetzung von "Mein Vaterland ist ein Apfelkern". FOTO: Seybert
Straelen. Margherita Carbonaro ist für drei Monate "Translator in Residence" im Europäischen Übersetzerkollegium Straelen. Die Übersetzerin hat die halbe Welt bereist. Eine ihrer Lieblingsautoren ist Herta Müller. Von Bianca Mokwa

Dass sie Übersetzerin geworden ist, daran könnten ihre Eltern schuld sein, überlegt Margherita Carbonaro laut. Die aktuelle "Translator in Residence" im Straelener Europäischen Übersetzerkollegium (EÜK) meint damit weniger die Gene als die bewegende Lebensgeschichte ihrer Eltern.

Die Mutter stammt aus Lettland, flüchtete 1944 mitten im Krieg zwischen der deutschen und sowjetischen Besatzung nach Schweden. Der Vater ist waschechter Sizilianer. Dass ihre Eltern zusammengekommen sind, ist einem regnerischem Sommer in Schweden zu verdanken. Die Mutter nahm sich eine Auszeit vom schlechten Wetter und traf ihren zukünftigen Mann an der Adria-Küste. "Mein Vater konnte als guter Italiener nur italienisch", sagt Margherita Carbonaro. "Sie sind jetzt seit über 50 Jahren verheiratet. Es ist die Geschichte einer großen Liebe oder sprachlicher Missverständnisse", fasst sie die ungewöhnliche Liebesgeschichte zusammen. Zuhause in Mailand wurde Italienisch gesprochen, es ist ihre Mutter- oder, wie sie in dem Fall sagt, Vatersprache. Erst später lernte sie Lettisch. "Ich fühlte, dass mir etwas fehlte, mir etwas vorenthalten wurde", nennt sie die Forderung an die Mutter, ihr auch diese Sprache beizubringen.

Während ihres Aufenthalts in Straelen wird sie zum ersten Mal ein Buch aus dem Lettischen ins Italienische übersetzen. Außerdem ist da noch Herta Müller, von der sie bereits einige Werke ins Italienische transferierte. Aktuell arbeitet sie an der Übersetzung von "Mein Vaterland ist ein Apfelkern" ins Italienische. Die deutsche Nobelpreisträgerin hat es Margherita Carbonaro angetan. "Ich mag sie sehr als Autorin", sagt die Übersetzerin, auch wenn sie zugibt, dass es nicht immer leicht ist. "Natürlich ist sie sehr schwierig, auch in der Sprache. Am Anfang hatte ich vielleicht etwas Angst davor, aber es hat mich etwas sehr persönlich angesprochen."

Richtig Deutsch gelernt habe sie während ihrer Zeit in Berlin. Das war Ende der 1980er Jahre. "Es war so ,Wow'. Mailand war so furchtbar langweilig. Berlin, die geteilte Stadt, das war die interessanteste Stadt Europas", gerät sie beim Gedanken an diese Zeit ins Schwärmen. Ihr Geld hat sie damals verdient, indem sie Italienisch unterrichtete. Studiert hat sie ursprünglich italienische Literatur. Gleich nach dem Studium habe sie aber festgestellt, dass sie eine akademische Karriere nicht einschlagen wolle, sagt die 50-Jährige.

Dafür stand eines felsenfest: "Ich wollte immer etwas mit Literatur machen. Das war immer die große Liebe meines Lebens, und die Sprache." Die Hinwendung zur selbstständigen Übersetzerin vollzog sie in ihrer Zeit in Peking, einer weiteren aufregenden Stadt, in der sie nach ihrer Zeit in Berlin lebte.

"Damals befand sich Peking in einer besonderen Phase. Jeden Tag hat sich die Stadt verwandelt, was auch unheimlich war." Ist ihr Straelen dann nicht zu ruhig, fast zu langweilig?

Sie lacht. "Es ist schön, wenn draußen die Welt pulsiert, aber es kann auch sehr anstrengend sein, und es kann auch ablenken", sagt Margherita Carbonaro. "Ich freue mich sehr auf einen schönen Frühling in Straelen. Hier habe ich viel Platz für mich, meine Gedanken und Wörter. Das ist wunderbar."

Gereizt hat sie an Peking nicht nur die Stadt, sondern auch die Sprache. Chinesisch, eine Sprache, die so gar nichts mit romanischen Wurzeln zu tun hat, bei der sie allein von den Zeichen her bei Null anfangen musste.

Welche Sprache ist denn nun die Schönste? "Ich liebe meine Sprache, das Italienische", sagt die Übersetzerin. "Nicht weil ich denke, dass sie was Besseres ist. Die anderen Sprachen mag ich, analysiere ich, aber ein Liebesgefühl habe ich zu meiner Sprache." Sie nennt es ein "instinktives Liebesgefühl". "Ich habe diese eine zur Verfügung, die ich besser kenne als alle anderen. Deutsch ist schön auf eine andere Art und Weise als das Lettische, Schwedische oder Chinesisch", lautet ihr Vergleich. Ihr Fazit: "Jede Sprache hat ihre eigene Schönheit."

Quelle: RP
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