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Geldern
"Kinder-Karneval" im Vollrausch

Geldern: "Kinder-Karneval" im Vollrausch
FOTO: NN
Geldern. Die Zahl der Jugendlichen, die Alkohol bis zur Bewusstlosigkeit trinken, war zuletzt rückläufig. Die Extremfälle nehmen aber zu. In der "fünften Jahreszeit" wird dies im Straßenbild offensichtlich. Von Peter Janssen

Irgendwann werden die Laufwege unberechenbar. Heranwachsende, mit schwerer Schlagseite unterwegs, sind nur noch damit beschäftigt, sich auf den Beinen zu halten. Das Problem "Jugend und Alkohol" wird während der tollen Tage im Straßenbild offenkundig.

Für Siegfried Wolff (59) ist es ein Dauerthema - seit 36 Jahren. Wolff führt den Titel "Jugendschutzfachkraft". Der Diplom-Sozialpädagoge ist für die elf der 16 Städte und Gemeinden des Kreises zuständig, die kein eigenes Jugendamt haben.

Wolff hat in seiner beruflichen Laufbahn etliche Vorträge zu der Thematik "Trinken in jungen Jahren" gehalten. Aus dem Auditorium bekommt er dabei regelmäßig einen Satz zu hören: "Aber zum Glück leben wir hier auf dem Land noch in einer heilen Welt." Dann zweifelt der 59-Jährige daran, ob seine Ausführungen bei den Erziehungsberechtigten richtig angekommen sind. "Auch wir leben hier nicht in einer heilen Welt. Denn die bundesweiten Zahlen zu der Problematik sind nahezu eins zu eins auf den Kreis übertragbar", sagt Wolff.

Und diese Zahlen sind besorgniserregend. So trinken Jugendliche durchschnittlich erstmals im Alter von 13,6 Jahren Alkohol. Regelmäßig, das bedeutet mindestens einmal in der Woche, trinken 14,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen zwölf bis 17 Jahren Spirituosen oder Bier. 2014 haben sich 12,9 Prozent dieser Altersklasse einmal im Monat in einen Rausch getrunken. Leicht gesunken, so Wolff, sei die Zahl der Komatrinker. Nach den aktuellen Zahlen wurden innerhalb eines Jahres bundesweit 22.391 Patienten im Alter von zehn bis 19 Jahren wegen akuten Alkoholmissbrauchs stationär behandelt (Statistisches Bundesamt 2015). Die Werte liegen dennoch deutlich über denen vergangener Jahre. 2000 etwa waren lediglich 9514 dieser Altersgruppe mit Alkoholvergiftung in Krankenhäusern stationär aufgenommen worden. "Der Rückgang ist wichtig, aber die Zahlen sind noch immer erschreckend hoch. Es gibt keinen Grund, in Euphorie zu verfallen", sagt der Pädagoge. Doch gibt es auch Personengruppen, die sich in den vergangenen Jahren extrem negativ entwickelt haben. Etwa die der Mädchen. Die Zahl der Trinkerinnen steigt kontinuierlich. "Innerhalb eines Jahres haben sich fünf Prozent mehr Mädchen ins Koma getrunken", weiß Wolff. Ein genauer Blick durch den Straßenkarneval bestätigt die Statistik. Junge Frauen stehen männlichen Heranwachsenden in nichts mehr nach. Ein Grund für die Steigerung: Die Industrie hat mit Alkopops, Biermischgetränken oder Likören die Getränke auf den Markt gebracht, die den Geschmack des Nachwuchses genau treffen. Kriterium: Hauptsache süß.

Doch gibt es noch ein weiteres Phänomen, das Wolff seit Jahren beobachtet und sich negativ entwickelt. Die Ausreißer in Sachen Alkoholkonsum bei Minderjährigen werden extremer. So hatte etwa eine Mutter ihrem elfjährigen Sohn eine Flasche Wodka in den Koffer für die Klassenfahrt gepackt. Begründung der Erziehungsberechtigten für die Spirituose zwischen Schlafanzug und Kulturbeutel: Dann bräuchte er dort nicht so viel Geld für Spirituosen ausgeben. "Auch kommt es vor, dass Eltern nichts dagegen haben, wenn ihre 14-, 15-jährigen Kinder Alkohol auf der Klassenfahrt trinken", sagt Wolff. Doch räumt der Pädagoge mit einem in der Gesellschaft weit verbreiteten Mythos auf. Kinder oder Jugendliche aus unteren sozialen Schichten trinken nicht früher oder mehr Alkohol. "Vereinfacht kann man sagen, dass Jugendliche aus einem schwierigeren sozialen Umfeld mehr Bier trinken, während Gymnasiasten eher zu Whisky greifen. Der Alkoholkonsum ist nicht abhängig vom sozioökonomischen Status. Getrunken wird überall", weiß Wolff.

Die negativen Folgen des Alkoholkonsums in jungen Jahren sind unbestritten. Es gibt etliche belastbare Studien, die keinen Zweifel aufkommen lassen, welche gravierenden gesundheitlichen Schäden Alkohol verursacht. Bluthochdruck, Leberzirrhose, Diabetes, Schädigung der Organe und Nervenzellen. Während der Pubertät erhöht sich durch das Trinken von Alkoholika das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, deutlich. Hinzu kommen etliche negative Auswirkungen für das jugendliche Gehirn, da dies wesentlich empfindlicher reagiert als bei Erwachsenen. "Der weit verbreitete Hinweis ,der hat sich blöd gesoffen' hat durchaus seine Berechtigung", sagt Wolff. Je früher die Alkoholkarriere startet, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, süchtig nach dem Rauschmittel zu werden.

Die Zahl der Jugendlichen mit einer Alkoholvergiftung steigt während der Karnevalszeit. Dennoch gibt es auch im Kreis Oasen, in denen der Trend rückläufig ist. So wurde vor Jahren ein Projekt mit dem Titel "Stellung beziehen" im Altbierdorf Issum gestartet und später auf die weiteren Kommunen im Kreisgebiet übertragen. Mit spürbarem Erfolg. Der Alkoholkonsum der Jugendlichen sank nachhaltig - auch während der fünften Jahreszeit.

Die Kampagnen werden nach Meinung von Wolff effektiver: "Wir haben mittlerweile zahlreiche Erfahrungen gesammelt. Unsere Aktionen sind ausgereifter. Prophylaxe, Aufklärung oder Beratung können wir jetzt spezifischer und somit erfolgreicher auf die jeweilige Zielgruppe ausrichten."

Nach Angaben der Polizei hat sich die Zahl der sichergestellten Gebinde bei Karnevalszügen in den vergangenen Jahren stetig erhöht. Kindern und Jugendlichen werden Alkoholika abgenommen, die sie aufgrund ihres Alters nicht besitzen dürfen. Vielleicht ein Grund, warum die Zahl der Heranwachsenden, die sich während der tollen Tage bewusstlos trinken, rückläufig ist. Dies hat Hans-Jürgen Fischer (66), Einsatzleiter beim DRK, festgestellt: "Es gibt weniger extrem Alkoholisierte. Auffällig ist, dass mehr Mädchen stark angetrunken unterwegs sind und sich die Altersgrenze nach unten verschiebt. Heute sind es 13-Jährige und teilweise noch jüngere Kinder, die wir versorgen müssen."

Sozialarbeiter, Polizei und Sanitäter verfolgen in den bevorstehenden Tagen ein Ziel: Sie arbeiten gegen ein von den Jugendlichen standardmäßig ausgegebenes Karnevals-Motto, das da lautet: Ob angetrunken oder blau - Helau.

Quelle: RP
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