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Geldern
Kritische Geister in der Galerie Chagall

Geldern: Kritische Geister in der Galerie Chagall
Aloys Cremers (l.), Karine Gamerschlag und Hannes Haag haben ihre Gedanken umgesetzt. FOTO: gerhard seybert
Geldern. In Geldern sind bis Anfang September Werke von Hannes Haag, Aloys Cremers, Karine Gamerschlag und Benn Pit van Lück zu sehen. Über die Beschäftigung mit Beuys und die Gedankenlosigkeit angesichts der Katastrophen in der Welt. Von Anke Kirking

In der Galerie Chagall ist am Samstag die neue Ausstellung "Zeitgeist" eröffnet worden, eine Gemeinschaftsausstellung von Hannes Haag, Aloys Cremers, Karine Gamerschlag und Benn Pit van Lück. Dazu kamen rund 40 Kunstinteressierte. Hannes Haag setzte in seiner Begrüßungsrede den Gedankenanstoß: "Diese Ausstellung haben wir mit dem Begriff ,Zeitgeist' überschrieben, weil die Welt fürchterlich in Unordnung geraten ist. Die Tragödien von ertrinkenden Flüchtlingen, das Chaos in Hamburg bei dem G-20-Gipfel und die wenigen Erfolge. Angela Merkel verspricht eine erste Zielsetzung für das Jahr 2050, doch ob wir soviel Zeit noch haben, ist die große Frage. Wir Künstler wollen mit dieser Ausstellung etwas bewirken. Wir wollen Aufbauhelfer sein. Und Sie, liebe Gäste, sind die Performance."

Aloys Cremers hatte eine Einstimmung in Form eines Gedichtes mitgebracht. Dort beschreibt er die Tragödie der Kunst. Wenn die Kunst als Seifenblase zerplatzt. Nämlich dann, wenn alle anfangen, sich eine Leinwand und Pinsel zu kaufen. In der Freizeit entstandene Bilder werden auf Ausstellungen getragen und zu Höchstpreisen verkauft. In seinem Ausstellungsstück findet sich dieses Thema auch wieder.

Cremers zeigt vier Werke. Auf zwei T-Shirts ist der Schriftverlauf von Beuys zu Aloys gedruckt. Als der Niederländer an den Niederrhein kam, wurde er immer auf Beuys angesprochen, den er bis dahin gar nicht kannte. Doch die intensive Auseinandersetzung mit Beuys hat Cremers Parallelen aufgezeigt. Daneben hängen zwei große Leinwände. Sie zeigen ein zweigeteiltes Bild. In der oberen Hälfte ist Luftpolsterfolie aufgebracht, die die Sicht auf das dahinter befindliche Bild etwas trübt. Viele Figuren in einer Vorwärtsbewegung sind dort zu sehen. In der unteren Hälfte ist ein Tuch gespannt, welches mit vielen Farben bedeckt ist. Cremers: "Die Luftpolsterfolie sind die Seifenblasen der Kunst. Jeder Besucher darf nach Herzenslust eine zum Platzen bringen." Ein weiteres Kunstwerk zeigt einen zerbrochenen Spiegel, der mit gebrauchtem Backpapier und Kordel verschnürt ist. Verdeckt von dem Backpapier sind "Selfies", auf denen sich Aloys in einer Scheibe gespiegelt hat. Ebenfalls ein Thema von Cremers ist die Angst. Dargestellt durch D-Mark-Scheine, die auf ein längliches Brett geklebt und mit Stühlen bemalt wurden. Es erinnert an die Zeit der Währungsumstellung 1999 bis 2002. Jeder hatte Angst, dass sein Geld weg oder nur noch die Hälfte wert sein könnte.

Mit Karine Gamerschlags Werken werden Ruhepole gesetzt. Ihre Skulptur "Plötzlich" zeigt eine Figur, die auf der einen Seite ganz aufgebrochen ist. Der Gesichtsausdruck zeigt den Moment, in dem etwas Unerwartetes, Plötzliches auf die Figur geprallt ist: große Augen, kein Mund, ein ganz flaches Gesicht. Doch ist ein bunter Streifen neben dem Podest zu sehen. So ist es auch bei dem Werk "Lebenslauf". Es gibt eine Pappe mit bunten Farben und darauf Keramiken mit Brüchen. Gamerschlag dazu: "Durchbrüche müssen nicht immer negativ sein, sondern es kann auch eine Chance sein." Schicksal und Hoffnung treffen auch beim dritten Werk von Gamerschlag aufeinander. Ein grüner Balken mit durchbrochenen Keramiken in verschieden Variationen laden zum Verweilen ein.

Benn Pit van Lück greift die Flüchtlingskatastrophe und deren Ursachen auf. Zu sehen ist ein Boot auf dem Meer, eine schwimmende Person im Hintergrund. Das Boot hat ein zerrissenes Segel, ist fahruntauglich. Hier kann und soll der Betrachter seine Sichtweise immer wieder neu annehmen. Von der Frontalansicht sieht man zunächst nur das Meer und das Boot. Dreht man sich etwas weiter, sieht man eine Bombe, Goldbarren (Geldmissbrauch der Mächtigen) und Sand. Benn Pit van Lück dazu: "Ich will versuchen, dass die Menschen umdenken. Keine vorgefasste Meinung über etwas haben sollten. Erst einmal sollen die Menschen nachdenken. Eben nicht die vorgekauten Ideen und Gedanken weiterkauen, sondern auch selber denken und weiter denken."

Eine Vernissage von Heribert Zangs hat den Impuls für die Werke von Hannes Haag gegeben. Zangs' Kunstwerke haben starke Anziehungskraft. Er wollte das Böse mit Weiß überdecken. Bei Haag ist zur Verweißung die Verrußung gekommen. "Ich möchte die Natur mitspielen lassen. Stoffe wie Pappe, Packpapier, Kaffeefilter sind hier zu finden. Wir trinken jeden Morgen unseren Kaffee, ohne darüber nachzudenken, was alles passiert ist, bevor der Kaffee in unserer Tasse gelandet ist. Die Ausbeutung der Kaffeebauern, Kinderarbeit und Umweltzerstörung. Globaler Handel heißt auch Verantwortung. Wenn wir Lebensmittel im Überfluss haben und soviel davon ungegessen im Müll landet, während andere hungern müssen, ist das nicht hinnehmbar. Hier rückt die Verrußung ins Auge des Betrachters."

Quelle: RP
 
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