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Stadtwerke Geldern Präsentieren Verschwundene Orte (1)
Milch und mehr bei Schawinsky am Markt

Stadtwerke Geldern Präsentieren Verschwundene Orte (1): Milch und mehr bei Schawinsky am Markt
Das Geschäft von Karl und Hubertine Schawinsky war nicht nur ein Umschlagplatz für Milch, sondern auch Nachrichtenbörse. FOTO: Heinz Bosch
Geldern. Das Gelderner Ehepaar hatte in der Nähe der Heilig-Geist-Kirche sein Geschäft. Karl Schawinsky wurde wichtiger Lokalpolitiker. Das Haus am Markt 17 musste bei der Stadtkernsanierung Mitte der 1970er Jahre weichen. Von Heinz Bosch

Geldern Das Milch- und Lebensmittelgeschäft von Karl und Hubertine Schawinsky lag am Markt Nr. 17 in der Nähe der Heilig-Geist-Kirche. Ursprünglich war es eine Milchhandlung, die von der Familie Weenen geführt und durch Einheirat von Karl Schawinskys Vater übernommen worden war. Der in den 30er Jahren als Handlungsgehilfe tätige Karl Schawinsky war im Gelderner Stadtzentrum eine bekannte Persönlichkeit. In die Schlagzeilen der heimischen Presse geriet er durch eine handgreifliche Auseinandersetzung in der Silvesternacht 1931/1932 im Hotel Dahlhausen am damaligen Großen Markt.

Während des Zweiten Weltkriegs hatte das Geschäft Schawinsky als eines der wenigen Häuser am Markt den Bombenhagel der Alliierten überstanden. Daher konnte Karl Schawinsky als erster Milchhändler schon am 6. April 1945 sein Geschäft wieder eröffnen. Allerdings war das Angebot sehr beschränkt, da die Lebensmittelrationierung auch nach dem Einmarsch englischer Besatzungstruppen bestand. Das Ausgehverbot für die wenigen Stadtbewohner ließ eine umfangreichere Öffnungszeit nicht zu. Auch war das Angebot hauptsächlich auf Magermilch beschränkt. Bis zur Währungsreform im Juni 1948 änderte sich der Mangel kaum.

Mit der neuen Währung expandierte der Umsatz. Milchprodukte wie Käse, Quark, Joghurt oder Eier füllten die Regale des kleinen Geschäfts am Markt. Karl Schawinsky zog mit seiner Milchkarre durch den ihm zugewiesenen Bezirk und versorgte im Bereich von Geldertor, Gelderstraße, Kapuzinerstraße, Ostwall und Südwall täglich die Bewohner, die ihre Milch in kleinen Kannen abholten. Mit steigendem Wohlstand und neuen Vorschriften für die Milchversorgung änderte sich die Verkaufssituation. Man sah nicht mehr die altbekannte, von der Hand geschobene Milchkarre, sondern einen kleinen, mit einem großen Milchbehälter ausgerüsteten Pferdewagen, den ein Pony zog.

Schawinsky hatte aufgrund seines besonderen Humors ein gutes Verhältnis zu seinen Kunden, für die er ein guter Unterhalter und eine wichtige Informationsquelle war. Zu seiner Gewohnheit gehörte es, gelegentlich in den Gaststätten an seinen Wegen um 11 Uhr eine kleine Pause einzulegen. Es wurde erzählt, dass sein Pferd auch allein den Weg nach Hause fand, wenn die Rast zu lange dauerte.

Als SPD-Politiker verstand es Karl Schawinsky besonders gut, seine Kunden auf die Kommunalwahl einzustimmen. Seine diskreten Hinweise mussten Eindruck hinterlassen haben, denn ihm gelang es, bei der Kommunalwahl 1948 seinen Wahlbezirk direkt zu gewinnen. Bei der damaligen erdrückenden Mehrheit von CDU und Zentrum war das eine Sensation. 1952 bis 1956 wurde der Geschäftsmann zum Vize-Bürgermeister gewählt. Karl I. (Bürgermeister Karl Bösken) und Karl II. (Karl Schawinsky) führten eine kluge und wirkungsvolle Politik. Nach manchen brisanten Ratssitzungen bewirkte die "zweite Halbzeit" im gastronomischen Bereich oftmals eine Beruhigung der erhitzten Gemüter.

1968 verschied der in Geldern so bekannte Kaufmann. Mit ihm verlor die Stadt einen engagierten Bürger und Politiker und wohl auch das letzte Gelderner Original. Schawinskys Frau Hubertine und die Tochter Ursula betreuten das Geschäft am Markt. Unter ihrer Regie entwickelte sich die Milchhandlung zu einem zusätzlichen Lebensmittelgeschäft. Schawinsky am Markt entwickelte sich zudem zu einer städtischen Nachrichtenbörse.

Infolge der Stadtkernsanierung Mitte der 70er Jahre mussten die alten Häuser nahe der evangelischen Kirche der neuen Planung weichen. 1977 erfolgten die Schließung des Geschäfts und der Abriss des Hauses.

Quelle: RP
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