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Issum
Mit 90 Jahren den Eisernen Meisterbrief

Issum: Mit 90 Jahren den Eisernen Meisterbrief
Der 90-jährige Hubert Boll aus Issum mit seinem Eisernen Meisterbrief, einer sehr seltenen Auszeichnung. FOTO: Gerhard Seybert
Issum. Dem Issumer Hubert Boll wurde eine besondere Ehre zuteil. Vor 65 Jahren legte er seine Meisterprüfung ab. Er erinnert sich an die Lehrjahre zwischen Krieg und wirtschaftlichem Aufschwung. Von Bianca Mokwa

Die schwere Mappe, die Hubert Boll hervorholt, ist vergilbt. Nicht aber der Inhalt. "Das ist mein Meisterstück", sagt der 90-Jährige, schlägt die Mappe auf und holt das gemalte Bild eines Schlafzimmers hervor. Die gemalte Decke, der farbig gestaltete Fußboden und das Fenster, alles passt zusammen. Die Pastelltöne wirken alles andere als angestaubt. Erkennbar ist der Blick fürs Schöne und fürs Detail.

Offensichtlich hat Hubert Boll den richtigen Beruf ergriffen. Er ist Malermeister, allerdings mit seinen 90 Jahren offiziell außer Dienst. Vor 65 Jahren hat er seine Meisterprüfung abgelegt. Die Mappe mit den liebevoll gemalten Ornamenten und den präzise gezeichneten Werbeschildern gibt Zeugnis davon. Mit dem Eisernen Meisterbrief wurde er jetzt geehrt. Der hängt im Flur. Zurückblickend sind diese 65 Jahre auch ein Stück deutsche Geschichte.

Sein Vater Hermann eröffnete 1922 sein Geschäft in Issum. Der Vater war Malermeister und hatte ein kleines Malergeschäft. "Es fehlte an vielem. Die Schwierigkeit bestand darin, über die Runden zu kommen", erinnert Hubert Boll sich an die ganz frühen Jahren. Es gab Zeiten, da waren Naturalien als Bezahlung, Butter, Milch oder Eier, beliebter als Geld. Auch er und sein Bruder Karl wurden Maler. Allerdings währte die Freude in der Familie nicht lange, mit ihm einen ausgelernten Maler in der Familie zu haben. 14 Tage nach seiner Gesellenprüfung wurde er zum Arbeitsdienst eingezogen. Später folgte der Kriegsdienst, unter anderem als Funker bei der Marine. Im Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg zu Ende. "Dann kam das große Fragezeichen", sagt Boll. Für ihn hieß die Antwort: Vier Jahre warten, bis er wieder nach Hause durfte. "Wir waren erst einmal in Kriegsgefangenschaft in Jugoslawien", erinnert sich der 90-Jährige. Neben Tätigkeiten in der Landwirtschaft und Brückenbau in Belgrad (die Pancevo-Brücke, die Verbindung zwischen Orient und Okzident) war er zweieinhalb Jahre als Maler in Sarajevo tätig, bis er wieder nach Hause durfte.

Die Gesellenzeit ließ er sich anrechnen. Er ließ sich ein Papier ausstellen und übersetzen, dass er auch in der Ferne seinem Handwerk nachgegangen sei. "Wenn ich so darüber nachdenke: Wahnsinn", sagt der Malermeister über seine Weltreise, die ihn aber in seine Heimat und zu seinem Beruf zurückbrachte. Kaum wieder in Issum, setzte er sich mit der Industrie- und Handelskammer in Verbindung und besuchte die Meisterschule in Düsseldorf. Zwischendurch hat er noch die Handelsschule besucht, um zu lernen, "was man so als Kaufmann wissen muss". Kaum die Meisterprüfung in der Tasche, machte er sich selbstständig, erst in Kamp-Lintfort, ab 1954 in Issum.

Quelle: RP
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